Die Sache mit dem Vogel – Twitter im Unterricht

Das Schuljahr neigt sich dem Ende zu und – völlig unbeabsichtigt – hat sich dieses Jahr zu einem doch sehr twitterlastigen Jahr entwickelt. Da sich nun die bpb in ihrem nächsten  Bildungssalon dem Thema „Twitter in der Bildungsarbeit“ widmen möchte, liegt es nahe, statt ihnen eine überlange Mail zu schreiben, alles in einem Blogartikel zu verarbeiten.

Projekt 1:  Twittern mit Experten

Selbst aktiv auf Twitter, erschienen vor etwa einem Jahr erstmals Tweets eines Schäfers in meiner Timeline, die eine Freundin entdeckt und weiter retweetet hatte (so macht man das auf Twitter – wenn einem etwas gefällt oder wichtig erscheint, leitet man es per Retweet an die Menschen weiter, die einem folgen und hoffentlich lesen, was man so twittert). Da die Lebenswelten eines Wanderschäfers und meiner Schülerinnen und Schüler so gut wie keine Überschneidungen aufweisen, beschloss ich, ihnen vom Schäfer zu erzählen und einige seiner oft sehr ansprechend bebilderten Tweets vorzustellen.

In der Stunde projizierte ich die Tweets von @schafzwitschern auf das interaktive Whiteboard.Wir lasen sie gemeinsam und ich versuchte, einige der aufkommenden Fragen zu beantworten, andere Fragen notierte ich mir. Wieder zuhause fragte ich (per Twitter) an,  ob der Schäfer bereit sei, den Kindern einige Fragen zu beantworten. In den nächsten Wochen entspann sich ein reger Frage-und Antwortwechsel über Twitter, der anscheinend auch von anderen, unbeteiligten Personen interessiert verfolgt wurde. Unterrichtlich wurde die Twitterei einerseits an den Mathematikunterricht angebunden, da sich aus den Antworten wunderbare Schätz- und Fermiaufgaben  ergaben, andererseits gehörten sie inhaltlich auch zum Sachunterricht.

Ein dritter Bezug ergab sich zu den geforderten Kompetenzen im Deutschunterricht. Die Kinder twitterten „unter Aufsicht“, also nur im Klassenverband. Die mit den Tweets verbundene Öffentlichkeit war den Kindern bewusst und so legten sie von sich aus Wert auf eine angemessene Rechtschreibung. Jeder Tweet wurde gemeinsam diskutiert und so lange verbessert, bis er fehlerfrei war. Eine weitere Aufgabe dazu gab es im Wochenplan. Stets mussten einige Kinder die Tweets von @schafzwitschern  lesen und nach der Pause im Plenum berichten, was es Neues gab.

Das Projekt wurde nach seinem Abschluss in einem Storify zusammengefasst. Dass Sven de Vries, alias @schafzwitschern, im Frühjahr 2016 dann auch noch für den Online-Grimme-Award nominiert wurde, freut uns sehr.

Projekt 2: Stumme Mitleser

Da die (jungslastige) Klasse sich eine Zeit lang sehr für den Weltraum interessierte, folgten wir @Philae2014 und Alexander Gerst während seiner Zeit auf der Raumstation ISS. Gab es interessante Ereignisse, wurden die entsprechenden Tweets im Sachunterricht gezeigt und besprochen, in Ausnahmefällen auch ein Antworttweet verfasst. Bedingt durch unsere Unterrichts- und IT-Struktur war eine Vertiefung damals nicht möglich. Denkbar sind aber auch hier Aufgabenstellungen im Wochenplan oder während individueller Arbeitsphasen, in denen Schüler und Schülerinnen ausgesuchte Twitterstreams verfolgen, darüber berichten, kommentieren oder vertiefend recherchieren.

Projekt 3: Kooperation mit bekannten Partnern

Über ein anderes Projekt  entstand der Kontakt zu acht anderen etwa gleichaltrigen Klassen in acht unterschiedlichen Ländern auf fünf Kontinenten. Über Twitter hielten die Klassen zusätzlich Verbindung, kommentierten teilweise die Projektergebnisse und stellten vertiefende Fragen zu den Inhalten. Gleichzeitig bot dieses kleine Netzwerk aber auch Möglichkeiten, schnell an spezifische Informationen zu kommen. Eine Klasse behandelte das Wetter und fragte sich, wie wohl das Wetter an genau diesem Tag in den anderen Ländern war. Ein Tweet genügte und von überall her kamen entsprechende Wetterinformationen. Wir nahmen das zum Anlass, ebenfalls (kurz) über Wetter, Wetterentstehung und unterschiedliche Jahreszeiten zu sprechen und statteten unsere (schon etwas zerrupfte) Weltkarte mit den Bildern aus den Tweets aus. (Es gibt auch eine interaktive Variante für das Whiteboard.) Unterrichten mit Twitter erfordert also ein gewisses Maß an Flexibilität in der Unterrichtsgestaltung und Mut und Lust, sich spontan auf Dinge einzulassen.

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Projekt 4: An Edu-Twitteraktionen teilnehmen

Über Twitter laufen im englischsprachigen Raum eine Menge an Aktivitäten. Ist man erst einmal entsprechend vernetzt, findet man immer wieder interessante Chats oder Aktionen mit schulbezogenen Inhalten. Eine dieser Aktionen ist die „global maths tasks twitter challenge“ (#gmttc…) , die es für unterschiedliche Jahrgänge gibt. Wir haben mit Klasse 3 und 4 ausgesuchte Aufgaben von Klasse 3 (#gmttc3) bis Klasse 5 (#gmttc5) bearbeitet.

Die Aufgaben werden wöchentlich von unterschiedlichen Klassen der entprechenden Jahrgänge gestellt. Wer dies übernehmen möchte, trägt sich in ein öffentlich zugängliches Google-Dokument ein. Wir haben uns aus dem Angebot die Aufgaben herausgesucht, die zum Lehrplan passten und sie bearbeitet. Die Lösungen wurden auf Mini-Whiteboards oder Papier notiert, fotografiert und getwittert. Parallel dazu wurden die Lösungen anderer Klassen analysiert und deren Lösungswege diskutiert.

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Auch wir stellten Aufgaben ins Netz, von denen zwei sehr intensiv von anderen Klassen bearbeitet wurden. Zusätzlich musste ich nun entsprechendes Feedback twittern, eine Aufgabe, die auch von Schülern übernommen werden könnte. Diesmal hinderte uns leider die Sprachbarriere daran.

Der daraus entstandene Kontakt zu einer amerikanischen Klasse führte in Klasse 4 zu weiteren Aktivitäten. So erstellten sie kleine Videos, in denen die Lösungswege, die sich von denen der amerikanischen Schüler unterschieden, erklärt wurden. Voraussetzung dabei war, dass diese Videos „stumm“ sein mussten, um Übersetzungen zu vermeiden, und dass kein Kind dabei identifizierbar sein durfte. Die Kinder schafften das überraschend gut. Sie erwarben nebenbei Medienkompetenz, diskutierten Sicherheitsaspekte im Netz und sicherten (oder vertieften sogar) ihre Mathematikkenntnisse.

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(Hier ein Stop-Motion-Film, der mit der gesamten Klasse erstellt wurde.)

Projekt 5: Kurznachrichten-Reporter

Dies war unser erster Einsatz von Twitter in der Schule. An besonderen Tagen wie dem Schulfest oder während der Kinderradionacht  wurde ein Laptop bereitgestellt, an dem Schülerinnen und Schüler über einen gemeinsamen Account twittern konnten, was gerade geschah. Während mit den Jugendlichen feste Regeln vereinbart wurden – die sie auch einhielten – durften die Grundschüler nur „unter Beobachtung“ twittern, d. h. ein Jugendlicher oder Erwachsener musste den Tweet vor dem Absenden gegenlesen. Auch dies funktionierte sehr gut. Die Resonanz von außen war anfangs mangels Vernetzung noch gering, das Twittern selbst machte aber anscheinend großen Spaß.

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(Twittern aus dem U-Boot anlässlich der Kinderradionacht 2014 mit dem Thema „Flossen hoch – wir tauchen ab!“)

Weitere interessante Ideen

In diesem Schuljahr habe ich weitere interessante Ideen zum Einsatz von Twitter bei den amerikanischen Kolleginnen und Kollegen gesehen. Gerne würde ich einiges davon im nächsten Schuljahr ausprobieren, wenn die Eltern entsprechend einwilligen.

student tweeter of the day / of the week

In mehreren Klassen habe ich gesehen, dass ein oder zwei Schüler bzw.Schülerinnen die Aufgabe bekamen, im Laufe des Tages zu twittern, was sie gelernt hatten oder welche Aktivitäten im Unterricht stattgefunden hatten. Dies führt zu einer sehr großen Transparenz des Unterrichts und zu einer „notwendigen“ Auseinandersetzung mit Rechtschreibung und Satzbau. Gleichzeitig sind 140 Zeichen gerade für sehr junge Schüler eine angemessene Textmenge, ältere zwingen sie sie zu geschicktem Satzbau und Reduktion auf das Wesentliche.

#GIFvocab

Schüler und Schülerinnen recherchieren die Bedeutung eines seltenen Wortes oder eines Fremdwortes in ihrer Sprache, suchen ein passendes Bild dazu und twittern Wort, Beschreibung und den Link zum Bild. So entsteht nach und nach ein kleines, illustriertes Wörterbuch. Die besten Tweet sollen demnächst unter @vocabGIF gesammelt werden – daraus könnten interessante Unterrichtsideen für den Fremdsprachenunterricht der Sek1 entstehen.

Fazit

Twitter eröffnet viele Möglichkeiten, Unterricht interessant und aktuell zu gestalten, auch in der Grundschule. Vorteil und Nachteil zugleich ist die ungeheuere Öffnung der schulischen Arbeit, die mit einer aktiven Nutzung von Twitter einhergeht. Ihrer sollte man sich immer bewusst sein, die Regeln zu Datenschutz und Urheberrecht im Kopf und die Einwilligungserklärungen der Erziehungsberechtigten wohlgeordnet abgeheftet haben. Außerdem sollte man spontan unerwartete Inhalte in den Unterricht integrieren können und ab und zu seine Planung über den Haufen werfen. Wichtig ist jedoch, immer eine Anbindung an den Unterricht aufrecht zu erhalten. Twittern an sich besitzt keine didaktische Begründung, erst die Aufarbeitung und der Umgang mit den Inhalten macht den Einsatz von Twitter in den Unterricht sinnvoll.

 

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3 Kommentare
  1. So stelle ich mir Unterricht im Jahr 2016 vor. Die Digitalisierung integrieren und sinnvoll im Schulalltag einsetzen. Die Affinität unserer Kids für die digitale Welt wird so wunderbar auf schulischer Ebene aufgegriffen und gleichzeitig ist es eine große Chance, sie für die Gefahren des World Wide Web zu sensibilisieren.

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