Global-Book-Exchange

Wie ich da hineingerutscht bin, kann ich auch nicht mehr sagen, aber eines Tages kam über Twitter eine DM mit der Anfrage, ob ich nicht an einem „global book project“ teilnehmen möchte. Ein digitales Buch mit mehreren Schulen gemeinsam erstellen? Das klang spannend, also sagte ich zu, ohne recht zu wissen, was da auf uns zukam.

Wir bekamen sehr genaue Anweisungen von Mrs. Simpson, der kanadischen Lehrerin, die das Projekt ins Leben gerufen hatte: einen Themen- und einen Zeitplan und Leitlinien für die Nutzung der verwendeten App  (Book Creator), die glücklicherweise auch für Android-Tablets erhältlich ist. Geplant war, dass jede Schule fristgerecht zu jedem Thema einige Seiten erstellt, diese zentral zu einem Buch verknüpft und das Buch dann komplett an alle Beteiligten gemailt wird.

Zunächst wurde also auf den fünf Tablets der Klasse die entsprechende App installiert und ich arbeitete mich ein. Für das erste Thema – „Unsere Klasse, unsere Stadt, unser Land“ – standen mir 3 Zeitstunden zur Verfügung, da wir gerade erst aus den Herbstferien zurückkamen. In Gruppen zu dritt wählten die Schülerinnen und Schüler eines der von mir vorgegebenen Unterthemen, fotografierten Schulgebäude und Schulhof, den Klassenraum, malten das, was nicht fotografiert werden konnte und verfassten die Texte. Die Bedienung der App begriffen die Kinder unglaublich schnell und gaben ihr Wissen untereinander weiter. Anschließend übersetzte ich die Texte ins Englische und berichtigte verbliebene Rechtschreibfehler. Da unsere Tablets nicht ins Wlan-Netz der Schule eingebunden sind, wurden die Einzelseiten mit Hilfe meines Handy-Hotspots in eine Dropbox hochgeladen.

Dann kam das böse Erwachen – in der Android-Version von Book Creator lassen sich einzelne Seiten nicht zu einem Buch zusammenfügen! Also musste jede Seite einzeln nach Kanada gemailt werden. Wenige Tage später kam eine Antwortmail – die E-Books waren dateimäßig so groß geraten, dass die Zusammenstellung zu einem einziges Buch nicht gelungen war. Statt dessen gab es nun je ein Buch pro Schule pro Thema, abzurufen in einer Dropbox, und ich sah zum ersten Mal den Umfang dieses Projektes. Aus den „some friends“ waren insgesamt neun Schulen geworden, die über den gesamten Globus verteilt waren: in Kanada, USA, Panama, Australien, Russland, China, Bahrain, Äthiopien und wir als Vertreter Deutschlands. Wenig später schloss sich noch eine Schule aus Malaysia an, die Schule in Äthiopien kann wegen großer Internetprobleme nur sporadisch mitarbeiten.

Diese ersten Bücher schauten wir uns gemeinsam über das Whiteboard an. Dazu nutzte ich ein Addon für den Firefox-Browser (ePub Reader), der aber Probleme mit dem Abspielen von Videos hat und bei Audiodateien komplett streikt (improvisierend wurde kurzerhand ein Tablet als Audioquelle mit dem Whiteboard verkabelt). Zusätzlich wurden die Bücher via Dropbox und heimischem Wlan auf einem der Tablets gespeichert, sodass sich die Kinder unabhängig die Bücher auch alleine betrachten können, wobei die Sprachbarriere in einer dritten Klasse noch ein großes Hindernis darstellt.

Jedes Buch war sehr individuell. Einige waren komplett von den Schülerinnen und Schülern erstellt worden, bei anderen merkte man die stark lenkende Hand der Lehrkraft bis hin zur fast ausschließlichen Erstellung durch den Erwachsenen. Unseres war das einzige zweisprachige Buch, dafür aber das einzige ohne „Sound“. In der Zwischenzeit haben wir viel voneinander gelernt. Gerade die Kinder haben nun viel genauere Vorstellungen davon, was die App alles leisten kann und wie „ihre“ Seite aussehen soll. Sie gehen so souverän mit der App um, dass ein Teil der Arbeit in den Wochenplan ausgelagert werden konnte und einige Kinder ihre Seiten komplett selbstständig erstellen.

Was lernen die Kinder in diesem Projekt?

Grundsätzlich geht es um das interkulturelle Lernen. Die Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich mit den Eigenheiten ihres Landes und erkennen Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit den Kindern der anderen Schulen. Ihr Blick für andere Kulturen und andere Lebensweisen wird geweitet, gerade die Bücher aus China, Bahrain und Äthiopien, uns sehr fremde Kulturen, rufen große Verwunderung bei den Kindern hervor. Hier muss immer wieder viel erklärt und erläutert werden. Es führte aber auch zu einem fröhlichen Dattel- und Granatapfel-Essen und der ersten Auseinandersetzung mit fremden Schriften.

Die Kinder recherchieren mit Kindersuchmaschinen und schreiben freie Texte. Dabei geben sie sich reichlich Mühe, da sie wissen, dass ihre Texte auch gelesen werden. Sie korrigieren die Rechtschreibung selbst mit einem Grundschulduden, soweit die Fehler mit der Rechtschreibprüfung angezeigt werden. Da sie nur eine Seite zur Gestaltung zur Verfügung haben, müssen sie die gefundenen  Informationen bewerten und das Wichtigste heraussuchen.  Bei der Übersetzung versuche ich, den individuellen Stil und das Sprachniveau der einzelnen Kinder wiederzugeben.

Die Kinder lesen ihre Texte inzwischen selbstständig ein. Dabei legen sie einen ziemlich hohen Qualitätsstandard an. Sie lesen ein, hören ab, machen erneute Aufnahmen und wählen dann die beste aus. Jetzt macht das „Lesen üben“ endlich einen Sinn. Einige Kinder trauen sich nun auch, den englischen Text einzulesen. Dazu schreibe ich die einzelnen Sätze noch einmal groß auf. Dann wird „trocken“ geübt, bis Aussprache und Satzmelodie einigermaßen sitzen, bevor die erste Aufnahme gestartet wird. Von Mal zu Mal werden sie mutiger und ich hoffe, dass dies auch Auswirkungen auf den Englischunterricht haben wird. Die Kinder beginnen, Englisch als „lingua franca“ zu erfassen – der Englischunterricht wird für sie bedeutsam.

Durch den Kontakt zu den etwa gleichaltrigen Kindern in den anderen Ländern scheint das Interesse der Kinder für das, was in der Welt passiert, verstärkt, wenn nicht überhaupt erst geweckt worden zu sein. Der Erdrutsch in China vom 21.12.2015 begab sich in der Stadt, in der auch unsere Buchpartner wohnen. Schon vor Schulbeginn fragten einige Kinder nach, ob unseren Freunden etwas passiert sein könnte. Ausgewählte Bilder aus der Fotostrecke von Spiegel online halfen, das Geschehene zu verstehen, ein Blick auf Google Earth zeigte uns, dass die Schule weitab von dem betroffenen Gebiet liegt. Schwieriger waren für mich die Fragen zum aktuellen Nahostkonflikt, in den auch Bahrain involviert ist, und die mich recht unvorbereitet trafen. Aber ist es nicht fantastisch, dass Drittklässler beginnen, sich dafür zu interessieren, was in der Welt passiert, nachfragen und zu verstehen versuchen?

Ach ja – die Kinder lernen natürlich auch, mit dem Tablet umzugehen (Ein- und Ausschalten, Tastatur-Nutzung, App-Anwendung…)  aber das ist eher ein Nebeneffekt.

Unser „Global-Book-Exchange“ läuft noch bis in den Mai hinein. Das Projekt kostet recht viel Zeit und das „reguläre“ Curriculum sollte nicht darunter leiden. Aber ich denke, dieser zusätzliche Aufwand lohnt sich!

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