Unterricht in Zeiten der Corona-Krise

Bob Blume hat nach den ersten drei Wochen der Schulschließung anlässlich der Covid19-Pandemie zur Blogparade unter dem Titel „Wie können wir unterricht digital gestalten?“ aufgerufen. Da ich sowieso dokumentieren wollte, wie wir in diesen Wochen gearbeitet haben, und meine Gedanken in Bezug auf die zukünftige Arbeit sortieren möchte, schließe ich mich dieser Parade mit einem Beitrag an.

AusgangslageGrundstrukturdigitale ExtrasLessons learntAusblick

Die Ausgangslage

Ich unterrichte in einer jahrgangsgemischten Klasse mit 24 Kindern der Jahrgänge 1 bis 3 an einer Privatschule mit reformpädagogischer und sozialer Ausrichtung. Etwa 30% unserer Schülerschaft gehören bildungfernen und/oder sozial schwachen Familien an. Die Leistungsspanne in dieser Klasse ist sehr breit – vom mathematisch hochbegabten Kind bis zu Kindern mit Förderschwerpunkt Lernen und Sprache ist alles dabei. Wie Grundschule eben so ist. Wir arbeiten in der Klasse in einem multiprofessionellen Team aus drei Pädagoginnen und werden für einzelne Kinder stundenweise von unserem Sozialpädagogen und einer Lesepatin unterstützt.

Uns stehen im Regelunterricht auf Abruf eine 1:2-Ausstattung mit iPads zur Verfügung sowie dauerhaft zwei Desktop-PCs ohne Internetanschluss (das ist bewusst so!). Die Kinder sind also digitales Arbeiten gewohnt. Durch die Jahrgangsmischung und die Wochenplanarbeit sind die Kinder auch gewohnt, mehr oder weniger selbstständig an ihren Aufgaben zu arbeiten. Wer lesen kann, ist angehalten, sich die Aufgabenstellung selbst zu erschließen, möglichst zeitnah gibt es Feedback zu den Arbeitsergebnissen und wir sind sehr beharrlich, was die Berichtigung von Fehlern und komplette Erfüllung von Aufgabenstellungen angeht.

All dies scheinen gute Voraussetzungen für die Zeit gewesen zu sein, die nun für uns anbrach.

Freitag wussten wir, dass die Schule für drei Wochen geschlossen sein würde, der Schulbesuch am Montag wurde den Eltern freigestellt. Wir sorgten dafür, dass jedes Kind seine Hauptarbeitshefte bereits am Freitag mit nach Hause nahm. Das Material der Kinder, die Freitag nicht in der Schule waren, holten die Eltern am Montag ab, sodass jedes Kind zumindest für einige Zeit mit analogem Material versorgt war, an dem es im Sinne des Lehrgangs weiterarbeiten konnte (analoge Grundversorgung).

Über das Wochenende schickten wir eine Abfrage herum, um die Verfügbarkeit digitaler Endgeräte innerhalb der Familien zu ermitteln: jede Familie besitzt die Möglichkeit, ins Internet zu gehen, und mindestens ein digitales Endgerät, aber teilweise nur ein Smartphone. In mehreren Fällen sind Laptops vorhanden, aber den Kindern nicht zugänglich, da entweder die Eltern sie für ihr eigenes Homeoffice brauchten oder es Dienstgeräte waren, auf die  Kinder keinen Zugriff haben durften. Auch Drucker sind nicht in jedem Haushalt vorhanden.

Wir mussten also zweigleisig fahren – einerseits eine weitgehend analoge Basisversorgung, die aber digital abrufbar sein kann, andererseits digitale Addons für die Kinder, denen mehr Möglichkeiten offen stehen. Zusäzliche Arbeitsmaterialien sollten sowohl als ausdruckbare Version als auch in einer Version zur Verfügung stehen, die online bearbeitet werden kann. Dazu kam die Bitte der Leitung: Die Kinder sollten jeden Tag neue Aufgaben bekommen, möglichst in den Fächern, die im Stundenplan verzeichnet sind.

Die Grundstruktur

Glücklicherweise hatten wir mit Drittklässlern schon einige Wochen bevor sich Schulschließungen auch nur andeuteten, die Plattform Learningview im Rahmen eines Literaturprojektes ausprobiert. Sie wurde nun zentrale Anlaufstelle für alle Schüler der Klasse.

In Learningview legten wir die Klasse pseudonymisiert an und unterteilten sie in drei Lerngruppen (den Jahrgängen entsprechend). Jeder Tag wurde als ein Thema  organisiert, innerhalb dessen wiederum in Deutsch und Mathematik getrennt wurde. In dieser Oberkategorien lagen dann die einzelnen Aufgaben für den Tag. Da die Sichtbarkeit der Aufgaben einzelnen Kindern zugwiesen werden kann, war es recht einfach zu differenzieren. Aufgaben wurden dupliziert und mit verschiedenen Dateianhängen versehen oder waren nur für bestimmte Schüler und Schülerinnen sichtbar. Da sich Aufgaben auch zwischen Gruppen hin- und herschieben lassen, war auch eine teilweise Auflösung der Jahrgangsgruppen leicht möglich.

Anfangs hatten wir auch Sachunterricht und Kunst/Musik in die einzelnen Jahrgangsgruppen aufgenommen, entschieden uns aber nach einer Woche, diese Themen auszugliedern und für alle zu öffnen, wie wir es auch im Regelunterricht tun. Die eventuell notwendige Differenzierung erfolgte dann über die Sichtbarkeitseinstellung einzelner Aufgaben.

Struktur Learningview

In den Aufgabenstellungen kann man bei Learningview  verschiedene Modi einstellen, ob und wie Ergebnisse abgeliefert werden sollen. Wir wählten meist die Option „Foto abgeben“. Alle Zugriffe auf Aufgaben und die abgelieferten Ergebnisse werden bei Learningview in einem individuellen Lernjournal abgespeichert. Es kann vom Schüler und Lehrkräften durch eigene Einträge (mit Optionen für Anhänge)  und Schnellnotizen  ergänzt werden.

Für Kinder, die lediglich ein Smartphone zuhause haben, hatten wir dann folgendes Szenario angedacht:

  • morgens einmal die Tagesaufgaben abrufen.
  • Feedback lesen
  • alle analog möglichen Aufgaben erledigen und alte Aufgaben verbessern
  • nachmittags/abends Ergebnisse digital  (Foto, Audio, Video) einreichen

Ab Mittag begann für unser Team dann die Korrekturabeit. Die Fotos und andere Ergebnisse  wurden gesichtet, Kommentare – zum Teil sehr ausführlich – dazu gegeben. Stellten wir fest, dass Dinge nicht verstanden waren, gab es schriftlich zusätzliche Erklärungen als Dateianhang. Hier wären Videos nützlich gewesen, dazu fehlte aber die Zeit. Gerade in den ersten zwei Wochen musste unglaublich viel neu erstellt werden. In der dritten Woche konnten wir dann schon bei den Aufgabenstellungen auf Aufgaben zurückgreifen, die andere Kinder bereits erledigt hatten. Dies entlastete uns spürbar.

Teilweise korrigierten wir die Fotos auch über ein Bildbearbeitungsprogramm genau so, wie es die Kinder aus dem Schulalltag kannten – rote Kringel, rote Striche, Haken, Ausrufezeichen, handschriftliche Kommentare, abspeichern und im Lernjournal des Kindes wieder ablegen. Dies ging in der dritten Woche dann genauso schnell wie im analogen Alltag.

Sehr schön war, dass die Lernplattform während der Krise gleichsam „mitwuchs“. Nach und nach kamen in diesen drei Wochen weitere Funktionen dazu oder Vorhandenes wurde optimiert – auch dies trug sicher zu unserer Entlastung während der dritten Woche bei.

Zweimal am Tag boten wir einen 30-minütigen Videochat an, in dem Kinder und Eltern Fragen zu den Aufgaben stellen konnten. Einige Kinder nahmen daran regelmäßig zweimal täglich teil und genossen den Austausch mit Kindern und Pädagogen sichtlich, viele kamen unregelmäßig und nur dann, wenn sie wirklich Fragen hatten. Etwa ein Drittel tauchte nie in der Videokonferenz auf. Während wir anfangs immer zu zweit, manchmal zu dritt in der Konferenz waren, lösten wir uns später je nach Arbeitsbelastung ab, wobei die „nicht Anwesenden“ immer über Telegram erreichbar war, um eventuell Fachfragen beantworten zu können.

Über die Notizen in den Lernjournalen wurden ebenfalls Fragen zu spezifischen Aufgaben gestellt oder Anmerkungen gemacht. Hieraus ergab sich mehrmals ein Austausch –  wie kleine Post-its, die auf dem jeweiligen Schreibtisch hinterlassen werden. In der letzten Woche nutzten einige Kinder und Eltern auch die Chatfunktion, die auf der Plattform inzwischen eingerichtet worden war, wobei die Schüler und Schülerinnen noch nicht untereinander, sondern immer mit einer Pädagogin chatteten.

Die digitale Extra-Komponente

EnglischDeutschMathematikSachunterricht

Analoges Material Schülern differenziert digital zuzuweisen ist nett, unser digitales Homeschooling sollte aber mehr leisten. Immer im Blick hatten wir dabei, dass dieses Material nicht von allen Kindern genutzt werden kann und genutzt werden wird. Die Vermittlung des Basiswissens war stets so angelegt, dass sie nur eine minimale Internetnutzung voraussetzte. Viele Aufgaben waren auch mit „optional“ gekennzeichnet, wenn sie das Curriculum nicht direkt unterstützten.

Youtube nutzen wir immer wieder gerne – im Bereich Sport haben wir den Schülerinnen und Schülern Links zu den Sportvideos von Alba Berlin aufbereitet. Aber auch unsere Sportlehrer waren aktiv und haben selbst kurze Videos und Bewegungsanregungen für draußen und drinnen erstellt. Diese Videos sind leider nur intern abrufbar. Für die Schülerinnen und Schüler waren diese Videos noch interessanter – Beziehungen spielen eben eine Rolle.

Schon vor der Schulschließung haben wir uns in der Klasse mit Hand- und Hustenhygiene beschäftigt. Daraus entstand der Brauch des „Handwaschfilms der Woche“, der auch während der Schulschließung weiterlief. Jeden Montag wurde (und wird) ein weiterer Film per Link in die Lernplattform eingestellt.

Im Englischunterricht wurden bereits bekannte digitale Anteile intensiviert. Auf der Plattform Learningapps.org  wurden Lernbausteine zur Sicherung des Vokabulars und des Hörverständnisses erstellt. Dabei hilft die dort vorhandene Möglichkeit, Text direkt in Audio zu verwandeln, enorm. Man sollte jedoch die Sprache der Plattform komplett auf die gewünschte Fremdsprache umstellen, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Für längere Texte wurden Familienmitglieder zum Einlesen herangezogen – immer nur Computerstimme ist auch nicht optimal. Es gibt viele weitere Möglichkeiten im Netz, Text in Audio umzuwandeln. Meine bevorzugte Seite ist TTSMP3. Hier kann man unter recht vielen verschiedenen Sprechern auswählen. Mit einer Nachbearbeitung des erzeugten MP3s in Audacity kann man Kinderstimmen erzielen. Natürlich konnten nicht die Bilder aus dem Lehrwerk benutzt werden. Hier galt es, selbst kreativ zu werden oder sich bei Pixabay und ähnlichen Plattformen, die Bilder unter offener Lizenz anbieten,  umzuschauen. Learningapps bietet sogar eine eigene Suchmaschine für Bilder lizenzfreier Bilder innerhalb der Plattform an.

Normalerweise wird der Fremdsprachenunterricht mit kleinen Videos, Hörszenen etc. angereichert. Auf diese konnten wir jetzt nicht zugreifen. Also mussten eigene Videos erstellt werden. Als Abwechslung (und um mich mit dem Programm selbst auch weiter vertraut zu machen) habe ich die Videoszenen in CospacesEDU nachgestellt und die Protagonisten (quick’n dirty) so programmiert, dass der Dialog einigermaßen sinnvoll zustande kommt. Die Audios hat die Familie eingelesen, das Monster (das in weiteren Aufgaben der Einheit noch eine Rolle spielt und schon vor der Schulschließung als Bild im Klassenraum hing) habe ich in Paint 3D erstellt, einem Standard-Programm in Windows 10, das ich lange unterschätzt hatte. Das alles war in keinster Weise zeiteffizient, aber hat mir Spaß gemacht und den Kindern, die es sich angeschaut haben, ebenfalls. Cospaces hat den Vorteil, dass es auf vielen verschiedenen Endgeräten mit unterschiedlichen Möglichkeiten genutzt werden kann. Die Kinder kannten das Programm bereits aus dem Unterricht.

Wenn ich ein Video machen kann, können das die Kinder auch. Eine Aufgabe am Ende dieser Lerneinheit war dann, ein Video zu erstellen – egal ob Stop Motion, mit „echten“ Schaupielern oder mit Kuscheltieren – bei dem mit den neu gelernten Dialogen ein Besuch beim Arzt nachgestellt werden sollte. Erfahrungsgemäß werden solche Videos mehrfach aufgenommen, bis die Kinder mit dem Ergebnis zufrieden sind – eine gute Gelegenheit, den neuen Wortschatz wieder und wieder zu erproben. Die Ergebnisse waren wirklich bezaubernd!

Im Deutschunterricht haben die Drittklässler zuerst handschriftlich eine Geschichte zu einem Bild verfasst. Diese habe ich in ein Word-Dokument übertragen und mit Markierungen und Kommentaren versehen. Teilweise wurden auch PDFs mitgeschickt, in denen ich Hinweise zur Grammatik notiert habe, die ich sonst mündlich gegeben hätte. Das Dokument ging dann über das Lernjournal zur Verbesserung zurück an den Schüler bzw. die Schülerin und wieder zurück an mich zur weiteren Korrektur. Der Vorgang wiederholte sich bei allen mehrmals, bis die Geschichte „rund“ und fehlerfrei war. Für alle eine sehr intensive Erfahrung, aber die Ergebnisse sprechen für sich. Durch die digitale Aufbereitung war es für die Kinder sehr viel leichter, die Verbesserungen und Änderungen vorzunehmen als mit dem sonst üblichen „noch einmal richtig abschreiben“ und sie schienen zumindest aus der Ferne recht motiviert.

Anschließend begannen wir, über ein Etherpad gemeinsam eine Geschichte zu schreiben. Ich habe den Anfang vorgegeben und moderiere inzwischen nur, ergänze Satzzeichen und kümmere mich um die Rechtschreibung. Nachdem zuerst nur die Drittklässler beteiligt waren, habe ich über die Ferien das Pad für alle freigegeben. Ich bin gespannt, wie wir vorankommen werden. Geplant ist, die Geschichte zu illustrieren (bzw. von den Kindern illustrieren zu lassen) und daraus ein Heftchen für sie zu machen

Ein kleines Zauberding sind Padlets. Wir haben darin Adjektive gesammelt, die nicht steigerbar sind. Die Kinder mussten allerdings jeweils auch begründen, warum dieses Adjektiv nicht gesteigert werden kann. Der Vorteil des Padlets war, dass jedes Kind auch die Einträge der anderen sehen und lesen und darüber nachdenken konnte. Es war unsere erste Aufgabe, bei der die Kinder an den Ergebnissen der anderen teilhaben konnten.

Eine weitere Aufgabe innerhalb des regulären Lehrgangs war, zu vorgegebenen Wortfamilien Wörter zu finden. Diese Wörter habe ich gesammelt und den Kindern in einer Wortwolke aufbereitet. Sie bekommen sie ersteinmal als Rückmeldung und zum Staunen in ihr Lernjournal. Wir werden sie nach den Ferien (hoffentlich) im Unterricht noch einmal aufgreifen und innerhalb der Schule ausstellen.

Spaß

Leider haben die Kinde keine Lesebücher mit nach Hause genommen. Die Lesetexte mussten also von uns selbst erstellt werden und schlossen sich an das Thema des Sachunterrichts, Erfindungen, an. Das Leseverständnis wurde in Multiple-Choice-Tests bei Learningapps „überprüft“. Nachdem wir entdeckt hatten, dass Onilo eine kostenlose „Entdeckerlizenz“ für die Zeit der Schulschließung bereitstellt, haben wir auch dort eine Leseaufgabe gestellt. Meist gab es zum Text auch eine passende analoge Aufgabe – baue eine Gespensterverscheuch-Maschine; schaue nach, ob ihr etwas aus Kevlar in der Wohnung habt; schraube eine Schraube in einen Dübel und beobachte. Oft hieß es aber auch: „Ziehe dich für mindestens 20 Minuten an einen gemütlichen Ort zurück und lies in einem Buch deiner Wahl, Schreibe uns, was du gelesen hast und wie viele Seiten du geschafft hast.“ Bei diesen Zusatzaufgaben hatten wir stets die Hoffnung, dass sie den Eltern etwas Luft verschaffen, um eigene Dinge zu erledigen.

Glücklicherweise ist über  ein Drittel der Kinder gerade mit dem Schreibschriftlehrgang beschäftigt. Voll analog, aber gut alleine zu bearbeiten! Hier mussten wir nur auf angemessene Sorgfalt und richtige Buchstabenverbindungen achten und entsprechendes Feedback geben.

Da ich vermeiden wollte, in dieser Zeit neue „Pflichtlerninhalte“ einzuführen, musste ich in Mathematik den vorhandenen Stoff etwas „strecken“. So schoben wir mehrere Tage zur Einführung bzw. Wiederholung von Zahlenmauern ein. Die Aufgaben im Arbeitsheft wurden durch herausfordernde Arbeitsblätter (PDF) und Learningapps ergänzt. Ein zweiter Block umfasste die Sona-Geometrie, ein Thema aus dem Bereich der Ethno-Mathematik. Hier wurden Youtube-Videos eingebunden und einige Webseiten, die den mathematischen Hintergrund für die Erwachsenen erklärten, verlinkt. Die Aufgaben waren anfangs so gestaltet, dass die Kinder sie alleine lösen konnten, wenn sie das Video gesehen hatten. Andererseits war dieses Thema auch so „abwegig“, neu und interessant, dass es auch etliche Eltern ansprach. Und dieser Effekt war beabsichtigt. Ich wollte versuchen, dass in dieser Homeschooling-Zeit Eltern und Kinder auch miteinander ins Gespräch über Inhalte kämen und ihnen ein Angebot machen, gemeinsam Neues zu lernen. Die Eltern sollten sich wirklich für das interessieren, was die Kinder machten, und die „Hausaufgabenfalle“ aufgebrochen werden. Dies ist in schätzungsweise gut der Hälfte der Familien tatsächlich gelungen.

Ein Problem für die schwächeren Kinder war das Fehlen von handlungsorientiertem Material, das sie aus der Schule gewohnt waren und zur Unterstützung beim Lösen von Rechenaufgaben häufig bis immer nutzten. Diesen Kinder verlinkte ich in den individualisierten Aufgaben die entsprechenden virtuellen Materialien, sodass sie zwar nicht direkt handeln, aber zumindest die gewohnten Handlungen visualisieren konnten. Zentral hierbei waren die Cuisenaire-Stäbe („Cuisenaire Rods„) und das Dienes-Material („Base Ten Blocks“). Garniert wurde der Mathematikunterricht mit einer Auswahl an Spielen aus dem Mathplayground, besonders dem Spiel Number Bonds.

In unserem Mathematiklehrgang kommen auch immer wieder Aufgaben vor wie „Schreibe eigene Aufgaben für deine Mitschüler und Mitschülerinnen“. Diese Aufgaben – in diesem Fall Zahlenrätsel –  sammelten wir in einem offenen Padlet, wo sie von den anderen Kinder eingesehen und im Heft gelöst werden konnten. Zu einem späteren Zeitpunkt gelang es mir, die Rätsel noch einmal als Basis für weitere Rechenaufgaben zu nutzen. Diese Weiternutzung von Schülerprodukten halte ich persönlich für sehr wichtig. Sie gibt der Arbeit der Kinder noch einmal einen ganz anderen Stellenwert und die Kinder merken, dass sie nicht nur „für’s Papier“ arbeiten, sondern zur Unterrichtsgestaltung beitragen (und diese auch beeinflussen können).

Der Sachunterricht war in dieser Zeit geprägt durch eigenes Tun der Kinder. Das Thema „Forscher“ bietet sich an, selbst Dinge zu erfinden, zu zeichnen und zu bauen, zu experimentieren, aber auch Vorhandenes zu erforschen und zu zerlegen. Digital wurden in diesem Bereich Zusatzangebote gemacht, die die Lesetexte aus dem Deutschbeeich ergänzten und Anregungen zu Familienaktivitäten gaben, so zum Beispiel die Bauanleitung für einen einfachen Solarkocher zu einem Text über Maria Telkes und das gemeinsame Sammeln von Wildblumen-Fotos, die die Kinder auf den Spaziergängen draußen („Hunderunde“) machten, in einem Padlet. Die Pflanzen werden derzeit gemeinsam bestimmt und mit Beschreibungen ergänzt.

Digitaler Unterricht eröffnet aber auch noch andere Möglichkeiten: Unter dem Titel „Einmal selbst Forscher sein“ konnten (und können) die Kinder an einem Citizen-Science-Projekt teilnehmen und damit ernsthaft zur Forschung beitragen. Bei Penguin Watch – einem Forschungsprojekt der University of Oxford – kann man mithelfen, die Bestände von Pinguinen in bestimmten Kolonien zu erfassen, man muss lediglich Pinguine erkennen und anklicken. Diese Aufgabe macht Spaß, zeigt aber auch, dass Forscher sein manchmal ganz schön mühselig ist. Zum Glück gibt es den Button „There are too many to count.“ auf der Webseite.

penguins

Lessons learnt

Wichtigste Erkenntnis: Es ist uns nicht gelungen, alle Kinder mitzunehmen. 8% haben wir verloren. Erst dachten wir, es würde schlechter laufen, aber durch intensiven Kontakt erst per Mail, dann per Telefon, ist es uns gelungen, fast alle Schülerinnen und Schüler auf die Lernplattform zu locken. Die „Gimmicks“ in den Aufgaben und das individuelle Feedback trugen sicherlich dazu bei, bleiben zu wollen. Falls die Schulschließung weiter andauern sollte, werden wir Mittel und Wege finden, dass auch die letzten Kinder dort auftauchen. Außerdem müssen wir unbedingt dafür sorgen, dass auch in der Unterstufe digitale Endgeräte ausgeliehen werden können, wo es erforderlich ist.

Wie gut, dass die Schließung drei Wochen dauerte. Erst gegen Ende der zweiten Woche hatte sich alles in den Familien und bei uns so „zurechtgeruckelt“, dass wir das Gefühl haben, so ähnlich kann es auch über einen längeren Zeitraum funktionieren. In der dritten Woche berichteten zunehmend mehr Kinder, dass sie ihre Aufgaben ganz alleine bearbeiten und keine Hilfe der Eltern mehr benötigen. Der Vorteil war, dass die Kinder in unserer Schule durch den jahrgangsübergreifenden Unterricht eher daran gewöhnt sind, selbstständig zu arbeiten und sich erst einmal allein mit dem Lernstoff auseinanderzusetzen, ein Nachteil, dass durch die Ganztagsschule das Arbeiten Zuhause, die sonst so alltägliche „Hausaufgabensituation“, in den Familien völlig unbekannt war. Hier mussten Eltern und Kinder erst einmal einen geeigneten Modus finden.

Ein ganz wichtiges Element war der Kontakt untereinander – per Videokonferenz mit den Kindern und die Kinder unter sich. Auch die Eltern nutzten die Videokonferenzen, um sich untereinander auszutauschen und gegenseitig Tipps zu geben. Daneben schrieben wir ellenlange Emails, in denen wir individuell didaktische Hinweise gaben, zusätzliche Lernmöglichkeiten vorstellten oder Eltern auch einmal beruhigten und bremsten, wenn ihr Kind nicht alle für den Tag vorgesehenen Aufgaben schaffte. Einige Kinder arbeiteten quasi „auf der Nebenspur“ in ihrem eigenen Tempo voran. Durch die automatischen Einträge in den Lernjournalen konnte wir das aber gut im Blick behalten.

Während der Austausch zwischen Kindern mit Pädagogen und Eltern mit Pädagogen sehr gut lief, kam der Austausch der Kinder untereinander über gemeinsame Inhalte und ihr Lernen zu kurz. Wir müssen viel stärker darauf achten, kollaborative Elemente einzubauen und gesammelte Ergebnisse zurück in die ganze Klasse zu geben.

Wir dachten (auch aufgrund unserer unterschiedlichen Professionen), es wäre eine gute Idee, sich innerhalb des Teams die Arbeit so zu teilen, dass einer für die Gestaltung der Aufgaben zuständig ist, der andere für Korrektur und Feedback. Diese Lösung lief etwa zwei Wochen lang gut. Dann merkte ich, dass ich den Kontakt zum Lernstand der Kinder verlor und statt individuell Aufgaben zu gestalten immer mehr begann zu „schwimmen“. Es war ein Gefühl wie im leeren Raum zu arbeiten. Im Normalfall sehe ich, was die Kinder tun oder schaue in die Hefte und weiß so, wo jedes Kind steht. Jetzt hatte ich das komplett abgegeben. Keine gute Idee!

Unser System war und ist sehr arbeitsintensiv. Wir können und wollen das in unserem Team leisten. Ob eine einzelne Lehrkraft so arbeiten kann, kann ich nicht einschätzen, ganz sicher aber nicht in einer jahrgangsübergreifenden Klasse, wo jeden Tag der digitale Unterricht für drei Klassenstufen (differenziert!) organisiert werden musste. Für eine jahrgangshomogene Gruppe könnte es aber vielleicht auch allein gelingen. Wenn KollegInnen gemeinsam oder mit- und füreinander Themenblöcke erstellten, wäre das eine große Arbeitserleichterung. Ich habe das in der dritten Woche erfahren, als ich für die „Nachzügler“ nur noch Aufgaben weiterreichen musste, die andere schon vor zwei Wochen bekommen hatten. Wenn man also den ganzen Schulstoff bereits aufbereitet hätte, bräuchte man nur noch geringfügige Anpassungen vorzunehmen und die Aufgaben individuell passend freizugeben.

Gelernt: Auch wenn es toll ist, alle Arbeitsergebnisse der Kinder zu Gesicht zu bekommen – man möchte sie nicht alle mit einem Feedback versehen müssen. Ergebnisse  konzentriert und nur dort einfordern, wo es wichtig ist oder man sie weiterverarbeiten möchte, spart Arbeit. Dafür dann das Feedback ausführlich und präzise geben!

Gelernt: Alle Textdateien auch als PDF schicken bzw. anhängen. Mit PDF kommen alle Geräte irgendwie zurecht, mit den anderen Formaten nicht.

Ausblick

Wie wird es am 19. April weitergehen? Wir wissen es nicht, aber es schadet nicht, sich über eine Fortsetzung des Homeschoolings Gedanken zu machen.

Wir werden definitiv die Lernplattform weiterhin als „Basisstation“ behalten. Die Videokonferenzen müssen auf eine andere Plattform umziehen. Sie sollen aus der Freiwilligkeit heraus. Ich möchte gerne den nun unbedingt fälligen neuen Lernstoff in Kleingruppen mit den Kindern im Gespräch einführen. Dazu müssen verbindliche Zeiten vereinbart werden. Ebenso möchte ich mit einzelnen, schwerer zu erreichenden Kindern verpflichtende Videokonferenzen durchführen, quasi als kurze Einzelförderstunde. Diese Kinder dürfen m. E. den persönlichen Kontakt nicht verlieren, sonst beginnen sie, das häusliche Lernen nicht mehr ernst zu nehmen. Es wird nach den Ferien für viele schwer genug werden, den Faden wieder aufzunehmen. Insgesamt möchte ich die Gemeinsamkeit der Klasse wieder stärker in den Fokus nehmen – mehr Echtzeitaustausch mit allen, mehr asynchrone Kollaboration der Kinder.

Als Vorbild möchte ich mich strukturell an der „School of the Air“ orientieren, den Schulen des australischen Outbacks, die seit 70 Jahren erfolgreich Homeschooling organisieren. Da müsste man sich doch etwas abgucken können! Dort, wo ein zusätzliches digitales Endgerät die Lage erleichtern würde, müssen wir uns um die Ausleihe kümmern. Dann kann ich auch mehr online-Aufgaben als Pflicht mit einbeziehen.

Die Aufgaben nach Tagen zu sortieren, schien uns logisch – so hatten wir den Auftrag bekommen, so kannten die Kinder es aus Tages- und Wochenplänen. Es ist aber auf lange Sicht gesehen ziemlich idiotisch und überhaupt nicht nachhaltig. Wenn man nun die Aufgaben zu einem bestimmten Thema sucht, muss man sich durch die einzelnen Tage, teilweise sogar durch mehrere Lerngruppen wühlen. Dies zeigte sich besonders in der dritten Woche, als Aufgaben für andere Kinder „recycelt“ wurden. Für die nächsten Wochen würden wir die Aufgaben thematisch als Unterrichtseinheit zusammenstellen und dann den einzelnen Kindern (täglich? wöchentlich? ganz frei?) differenziert zuweisen. Dies kann ich mir sogar – unabhängig von irgendwelchen Schulschließungen – für den Regelunterricht als Basis eigenständigen Lernens vorstellen. Dies bedeutete jedoch einen ziemlichen Vorbereitungsaufwand.

Es bleibt noch die Materialfrage.

In den letzten Wochen sind die Lehrkräfte mit kostenlosem Material und Angeboten zugeschüttet worden. Das, was ich gebraucht hätte – zum Lehrwerk passende Online-Dinge – gab es nicht kostenlos. Das, was ich gesichtet habe, passte nicht zu dem, was ich aktuell mit den Kindern vorhatte. Hätte ich all die Angebote genutzt, die mir da in das Mail-Postfach flatterten, wäre mir der rote Faden meines Unterrichts verloren gegangen, der Inhalt wäre in eine Beliebigkeit abgerutscht – Beschäftigung statt vorbereiteter Umgebung. Also bin ich bei den Tools und Webseiten geblieben, die sich in den vergangenen Jahren herauskristallisiert und bewährt haben. Zwei Dinge überlege ich jedoch gerade, in Zukunft intensiver einzusetzen: das eine ist Padlet, das andere wäre ein Animationsprogramm zum Erstellen von Trickfilmen: Nawmal, Powtoon, Biteable, Animoto … etwas in der Richtung. Ich würde dem gerne wieder eine Chance geben, um schnell und einfach Erklärvideos zu erstellen, ohne mich selbst filmen zu müssen.

Nach einem Hinweis auf Twitter und einen Blick auf meinen eigenen uralten Drucker, habe ich nach Alternativen zum Ausdruck gesucht. Eine schöne Variante, die nach dem Download auch offline funktioniert, sind bearbeitbare PDFs. Sie lassen sich leicht mit Libre Office erstellen und innerhalb des Programms in ein PDF konvertieren. Dieses kann von den Kindern heruntergeladen und dann am Computer oder Tablet an den entsprechenden Stellen ausgefüllt, also bearbeitet werden. Ich habe also auf diesem Weg ein digitales Arbeitsblatt erstellt.

Und was ist mit Anton?

Wir haben kurz vor der Schließung die Schulizenz von Anton erworben. Die Kinder kennen das Programm aus den Freiarbeitsphasen. Am Wochenende vor der Schließung habe ich es noch geschafft, den Kindern individuell Aufgaben zuzuweisen, im Laufe der kommenden Wochen nicht mehr. Wir hatten es in der ersten Mail an die Eltern als zusätzliches Angebot gekennzeichnet, da wir eben nicht davon  ausgehen konnten, dass jedes Kind zuhause uneingeschränkt Zugriff auf das Internet hat. Ein Blick in die Statistik zeigte mir am Ende der drei Wochen, dass sich nur etwa ein Sechstel der Kinder in dieser Zeit freiwillig (auch noch) mit Anton-Aufgaben beschäftigt hat.Ich werde es im Blick behalten und wo möglich, gezielt Übungen, die zum Stoff passen, zuweisen. Fester Vorsatz. Aber dies bedeutet natürlich auch, sich auf zwei Plattformen zu tummeln um die Lernfortschritte zu sehen.

Antolin hingegen habe wir in diesen drei Wochen mehrfach genutzt. Diese Seite haben die Kinder aber auch unabhängig von Aufgaben aufgesucht. Zu einigen unserer Lesebuchtexte gibt es Quizfragen, die ich in die Tagesaufgaben eingebunden habe. Besonders ein Leseanfänger-Kind strebte gerade auf die 100-Punkte-Grenze zu, die es vor Ostern unbedingt überschritten haben wollte. Für dieses Kind habe ich die Aufgaben etwas „umgeschichtet“ – mehr Antolin, weniger Erstlese-Heft. Die Urkunden zum Erreichen bestimmter Punktgrenzen habe ich den Kindern über die Elternmail geschickt, auf ihre kleine Überraschung (hier gibt es Lesezeichen, Kleiner-Nick-Bücher und bei 1000 Punkten ein „echtes Buch“ aus dem modernen Antiquariat) müssen sie leider warten, bis wir uns wieder sehen können.

Warten wir nun also ab, was die Politiker entscheiden und ob es am 20. April wirklich weitergeht und wenn ja, für wen. Solange die Eltern uns den Rücken stärken, das Lernen ihrer Kinder ernst nehmen und bestärken, können wir mit dem digitalen Homeschooling wohl noch eine Zeit gut durchhalten. Die Rückmeldungen aus der Elternschaft, sowohl in einer anonymen Umfrage der Schulleitung als auch in vielen persönlichen Emails, waren sehr positiv und wertschätzend. Eine schöne Anerkennung unserer Arbeit und eine Bestärkung, dass der Weg, den wir gewählt haben, nicht der schlechteste war.

 

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