Grundschule – Überflüssig sein als Dauerzustand

Gerade schlägt sich meine Timeline bei Twitter mit den 4K herum: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Philippe Wampfler bestaunt eine Situation, in der er als Lehrer überflüssig wird, und Philipp Stade erinnert an die grundsätzlichen Anforderungen an eine Individualisierung des Unterrichts. Da fällt mir beim Nachdenken über den Unterricht am Freitag etwas auf. Kurz die Unterrichtssituation geschildert:

Die Kinder haben am Freitag letzter Woche entschieden, dass sie im Sachunterricht etwas zu Erfindern machen möchten, passend zu unserer Frühstückslektüre, „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ von Boy Lornsen. Am liebsten möchten sie selbst etwas erfinden. „Was denn?“ Auf kleinen Zetteln notiert jedes Kind seine „Erfinderfragen“, die nicht unbedingt etwas mit Erfindungen zu tun haben, sondern teilweise auch Forscherfragen sind. Zufällig ergibt sich, dass ich am Freitag vier Stunden lang Klasse 1 und 2 parallel betreuen muss; es gelingt mir durch internes Tauschen, noch eine weitere Stunde zu ergattern, sodass der Unterrichtstag nicht zerrissen wird.

Am Freitag nun Lagebesprechung, Orgakram und Aufteilen der Zweitklässler auf die Forschergruppen. Fest steht: in der letzten Stunde wird vorgestellt, was man geforscht hat – als Poster (ui, die ersten Poster!), als Bild und Erzählung (daraus kann ich ein E-Book machen), als Geschichte oder als selbst erstelltes E-Book. Da wir bisher noch keine Poster gemacht haben, haben wir uns spontan zwei Viertklässler ausgeborgt (sie bereiten gerade Referate vor), die uns ihr Poster vorstellten und erklärten, worauf es bei einem Poster ankommt.

Nach dem Frühstück ging es los. Eine Gruppe beschäftigte sich mit dem Bau eines Roboters, sie bekamen das (mein) Fischer-Technik Material aus der Informatik. Eine weitere Gruppe wollte eine Schokokusskanone bauen. Da ich sie leider nicht alleine in den Werkraum lassen kann, mussten sie sich mit Bauklötzen und Baufix sowie einer Ladung Gummibändern begnügen. Die dritte Gruppe wollte über das Fliegen forschen. Sie bekamen eine konkrete Aufgabe: Sie mussten einen kleinen Gummitiger zum Fliegen bringen. Zusätzlich hatte ich Bauvorlagen für Papierflieger bereitgelegt. Diese Kinder besorgten sich dann selbstständig Material aus dem unendlichen Vorrat einer Grundschullehrerin: Tesafilm, Baumwollschnur, Klebstoff, Luftballons. Eine weitere Gruppe wollte als Forscher Getränke mischen. Damit das etwas in geregelten Bahnen verlief, habe ich Protokolle für sie vorbereitet, die implizit schon einen Versuchsaufbau vorgaben. Dann bekamen Sie Apfel- , Kirsch- und Bananensaft. Die Gruppe hätte gerne mit „echten Erlenmeyerkolben“ hantiert. Da sie ihre Mixturen aber nachher kosten wollten, konnte ich sie zu handelsüblichen Gläsern aus dem Lehrerzimmer überreden. Die nächste Gruppe wollte gerne das Thema der letzten Sachunterrichtsstunden vertiefen und noch mehr Dinge daraufhin überprüfen, ob sie schwimmen oder sinken. Ihnen brachte ich rohe Eier (alt und frisch) und Salz mit, woraufhin sie einige hochinteressante Entdeckungen machten, auf die wir noch einmal eingehen werden. (Allerdings war das „alte“ Ei doch nicht SO alt, wie ich gehofft hatte, das Salz hat es dann rausgehauen ;))  Die letzte Gruppe wollte Frösche erforschen. Für diese Kinder habe ich mehrere Forscheraufträge selbst zusammengestellt, einerseits weil diese Gruppe mehr Unterstützung und Anleitung benötigte, andererseits weil ich wollte, dass sie auch die anderen Stadien der Froschentwicklung kennenlernen, die im Schulteich noch nicht zu finden sind. Anschließend verteilten sich die Kinder im Grundschulbereich (die Kanonenforscher kamen in die Aula, die Froschforscher zwischendurch auch an den Teich).

Ab dann war ich als Lehrer überflüssig.

Drei lange Stunden lang.

Nur unterbrochen davon, einigen Kindern zu erklären, wie man die App Book Creator benutzt und das Tonpapier für die Plakate zu besorgen.

In der letzten Stunde haben dann alle Gruppen ihre Ergebnisse vorgestellt. Es gab drei Poster und zwei E-Books, teils mit Fotos, teils mit abfotografierten eigenen Bildern. Für mich sehr interessant war das Video, das drei Kinder in Book-Creator erstellt hatten. Sie können kaum schreiben – aber wie man ein (Youtube-)Video beginnt und endet, das konnten sie perfekt.

Ich denke, damit haben die Kleinen drei der 4Ks umgesetzt und ich habe den Anforderungen einer Individualisierung in vielen Bereichen entsprochen (Themenwahl, Arbeitsmethoden, Lernergebnis). Und das, was ich oben geschildert habe, ist Alltag. Nicht immer über 5 Stunden, aber immer wieder und dann eben über mehrere Tage verteilt.

Und dann frage ich mich:

Warum ist so etwas in der Sek1 nicht auch möglich? Weil ihr „den Stoff durchkriegen “ müsst? Weil ihr nicht „loslassen“ könnt? Weil ihr den fehlenden Gleichschritt und das gelegentlich entstehende Chaos nicht ertragt?

Noch mehr bewegt mich aber die Frage: Warum „schaffen“ es die Schüler und Schülerinnen in meinem WPK-Kurs nicht auch, so zu arbeiten, wie es die Kleinen tun? Sie arbeiten nur noch unter der Knute und sind nicht in der Lage, sich eigene Ziele zu setzen oder interessegeleitet eigene Projektideen  zu entwickeln. Mir kommt es immer vor, als hätte das System Schule es ihnen systematisch aberzogen.

Ihr müsst in der Sek1 nichts Neues einführen oder den Kindern beibringen – ihr müsst nur bitte das fortsetzen und abfordern, was die Grundschule angebahnt hat, so wie wir auf dem situativen Lernen im Kindergarten aufbauen, es strukturieren und weiterentwickeln.

P. S. Ja! Zu allerletzt, am Ende des Tages, durften natürlich auch Schokoküsse durch die Gegend geschossen werden 😉

 

 

 

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