Grundschulmethoden erobern die Sekundarstufe

.. ach, mit einem Mal ist es keine Kuschelpädagogik mehr?

Mit einem Mal sind die Methoden, die in der Grundschule seit langem anerkannt sind und (hoffentlich) flächendeckend umgesetzt werden, auch für die Sekundarstufe gut genug? Und da gelten sie jetzt als „revolutionär“ und lösen einen Hype oder zumindest andächtiges Staunen aus?

Zurück zum Anfang…

Im November habe ich an einem Kongress für Lehrer teilgenommen, der – so schätzte ich es zumindest ein – die digitalen Vorreiter versammeln und einem Ideenaustausch dienen wollte. Ich entdeckte einen Workshop mit dem Titel „Technologieeinsatz bei der Lernmethode `Lerntheke`“. Super, dachte ich, Lerntheken mache ich gerne und steht als Methode auch demnächst für meine Erstklässler an, hier bekomme ich sicher Tipps, wie ich digitale Medien noch besser, noch effektiver, noch kreativer in Lerntheken einbinden kann. Dass sich der Einsatz digitaler Medien auf den Download der Lernkarten aus der Dropbox oder ein Abfotografieren mit dem Tablet beschränkte (schön waren die eingebundenen Videos mit Übersetzung der Aufgaben in andere Sprachen – wie das erstellt wurde, wurde leider nicht gesagt), kann ich verkraften, Zeit vergeudet, aber einen unterhaltsamen Sprecher kennengelernt. Weniger verkraften kann ich jedoch die Reaktion der Teilnehmer.

Ist die pädagogische Ausbildung für das gymnasiale Lehramt wirklich so eingeschränkt, dass „Lerntheke“ eine völlig neue, unbekannte Methode ist? Haben sich die Kolleginnen und Kollegen nie in Methodik weitergebildet, neue pädagogische Strömungen verfolgt? Oder war die Tatsache, dass es eine „Grundschulmethode“ ist, bisher Disqualifikation genug?

Das nächste, was mich sehr erstaunte, war die Bewunderung, wie der Vortragende es geschafft hat, diese, die Selbstständigkeit der Schülerinnen und Schüler doch sehr fordernde Methode, so schnell in seiner Klasse einzuführen und das Lernen in die Hand der Schülerinnen und Schüler zu legen. Ja, habt ihr euch denn nie dafür interessiert, mit welchen Methodenkenntnissen die Fünftklässler an den weiterführenden Schulen eintrudeln? Habt ihr sie nie gefragt? Habt ihr die Grundschulen nie nach ihren Methodenkonzepten gefragt? Wozu mühen wir uns eigentlich vier Jahre lang ab, den Schülerinnen und Schülern selbstständiges Lernen, Gruppenarbeit, Arbeit nach Plänen, Selbstkontrolle ohne Schummeln und solche Dinge beizubiegen, wenn ihr es danach ignoriert? Jeder, der nicht eine sehr, sehr konservative Grundschule als Zulieferer hat, kann darauf bauen, dass die Kinder Lerntheken (oder Stationsarbeit) kennen. Also kann man einfach anfangen, wenn man möchte. In Klasse 9 haben sie das allerdings bereits vergessen oder sind so „verschult“, dass sie diese Methode für „Babykram“ halten, denn in ihrem Unterricht hatte sie ja bisher keinen Platz.

Wenig darauf dann dieses Beispiel einer „offenen Lernumgebung“:ole

Direktlink: https://twitter.com/JGollhammer/status/802211137454542848

„Offene Lernumgebungen“ dieser Art (eigentlich nur die Ansammlung des gesamten Stoffes für einen bestimmten Zeitabschnitt) sind in der Grundschule insbesondere seit Einführung der JÜL-Klassen propagiert worden. Man beginnt an den ersten Schultagen am ersten Fach im ersten Regal und endet irgendwann beim letzten Arbeitsblatt. Als Schüler hätte mir das in der ersten Klasse Angst eingejagt, und sicher gibt es auch im 6. Jahrgang Schülerinnen und Schüler, die von dieser Materialfülle und der Aussicht, alle Ablagen abarbeiten zu müssen, völlig erschlagen sind.

Vor 13 Jahren (!) hat Falko Peschel in seinem Buch „Offener Unterricht“ Kriterien für offenen Unterricht vorgelegt. Und wenn man die Materialanhäufung in den Regalen sieht, muss man sich fragen, welchen Grad an Offenheit sie bietet:

Ist sie organisatorisch offen, das heißt, können Raum, Zeit (sowohl Zeitpunkt als auch Dauer der Bearbeitung einzelner Aufgaben) und Sozialform frei gewählt werden? Ist sie methodisch offen, das heißt, können Schülerinnen und Schüler ihren Lernmethode selbst bestimmen?  Ist sie inhaltlich offen, das heißt, können die Schülerinnen und Schüler ihren individuellen Lernstoff selbst bestimmen?

Mit Fragen zur Definition, Umsetzung und Optimierung offener Lernumgebungen setzen sich Grundschullehrerinnen und -lehrer und Pädagogikprofessoren seit vielen Jahren auseinander und die reine Materialzentrierung ist inzwischen hoffentlich überwunden. Und nun setzt die weiterführende Schule an einem Punkt an, den die Grundschule bereits seit langem hinter sich gelassen hat? Eure Schülerinnen und Schüler sind älter, verständiger und sollten wissen, was sie lernen möchten*). Dazu sind offene Lernzeiten da – nicht zum Abarbeiten fertiger Aufgabenordner. Das ist lediglich Planarbeit mit einem äußerst geringen Grad an Offenheit.

 

Schön, dass die weiterführenden Schulen die Methoden der Grundschule endlich wertschätzen und umsetzen, schade, dass man neuere Erkenntnisse der Grundschulpädagogik nicht berücksichtigt und so tut, als hätte man diese Methoden gerade selbst erfunden.

 

*) In meiner dritten Klasse (2011) haben wir sehr konsequent mit Wochenplänen gearbeitet. Einige Kinder waren zu diesem Zeitpunkt entwicklungsmäßig so weit, dass sie sich ihren Wochenplan selbst zusammenstellen konnten. Dies umfasste Mathematik, Deutsch und eigene Forschungsaufgaben im Bereich Sachunterricht. Auch heute dürfen die Erstklässler – so sie ihre individualisierten „Pflichtaufgaben“ erledigt haben – sich aussuchen, was sie in den Wochenplanstunden arbeiten und auf ihrem Wochenplan notieren. Sechstklässler sollten also erst recht dazu in der Lage sein – trauen wir ihnen etwas zu!

 

 

 

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