Das Klassenzimmer der Zukunft?

Das Klassenzimmer der Zukunft – Kreide oder iPad?“ ist eine Podiumsdiskussion überschrieben, die am 26. Januar in Hessischen Rundfunk ausgestrahlt wird. Herr Larbig ruft in seinem Blog dazu auf, zu diesem Thema Stellung zu beziehen, um die Diskussion um weitere, durchaus auch kontroverse Gedanken zu bereichern.

Natürlich brauchen solche Ereignisse plakative Titel, aber die Frage, die hier gestellt wird, kann nur eine rhetorische (und falsche) sein. Wir können nicht zurück zur „Kreide“, dazu ist die Technisierung und Digitalisierung  der Gesellschaft viel zu weit fortgeschritten. Zöge sich Schule langfristig auf reinen Kreideunterricht zurück, würde sie ihrem Auftrag im Bereich der Medienbildung (vgl. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 8. März 2012) nicht gerecht werden können. Eine Hinwendung zum „iPad“ kann aber nicht die Lösung sein, denn die ausschließliche Bindung an einen Hersteller führt immer in eine Abhängigkeit, aus der man sich nur schwer und meist unter (finanziellen und zeitraubenden) Schmerzen befreien kann.

Genug des Vorgeplänkels und der Haarspaltereien. Mich stört die Fragestellung grundsätzlich. Seit Jahren stellen wir dieselbe Frage, ohne dass eine Lösung oder wenigstens ein Fortschritt ersichtlicht wäre. Es darf nicht mehr darum gehen, ob digitale Werkzeuge im Unterricht eingesetzt werden, sondern wie sie sinnvoll eingesetzt werden können. Die Ob-Frage ist durch die rasante Entwicklung in der Arbeitswelt und den Alltagstechnologien bereits geklärt, die Beantwortung der Wie-Frage steckt noch im Experimentalstadium. Eindeutig ist: Wir dürfen Schülerinnen und Schüler nicht ohne ein Verständnis für die Funktionsweise und Kenntnisse der Nutzungsmöglichkeiten digitaler Geräte aus der Schule entlassen. Wie schreibt die Kultusministerkonferenz so schön?

Schulische Medienbildung versteht sich als dauerhafter, pädagogisch strukturierter und begleiteter Prozess der konstruktiven und kritischen Auseinandersetzung mit der Medienwelt.
Sie zielt auf den Erwerb und die fortlaufende Erweiterung von Medienkompetenz; also jenerKenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ein sachgerechtes, selbstbestimmtes, kreati-
ves und sozial verantwortliches Handeln in der medial geprägten Lebenswelt ermöglichen. Sie umfasst auch die Fähigkeit, sich verantwortungsvoll in der virtuellen Welt zu bewegen, die Wechselwirkung zwischen virtueller und materieller Welt zu begreifen und neben den Chancen auch die Risiken und Gefahren von digitalen
Prozessen zu erkennen.

(KMK, 2012, Medienbildung in der Schule, S.3)

1998 (?) habe ich angefangen, eine Computer-AG in einer Grundschule zu leiten, damals noch offline und mit geschenkten, veralteten Computern aus Privathaushalten und einer Bank. Die erste Homepage für die Schule entstand, als die Initiative „Schulen ans Netz“ allen Schulen in Niedersachsen einen Internetzugang verschaffte, vermutlich 1999. Ungefähr 2001 besaßen alle Klassenzimmer dieser Grundschule mindestens einen Computer, es wurde unterrichtsbegleitende Software benötigt, die damals in hervorragender Qualität und ziemlich großer Auswahl auf den Markt kam 1). Das war vor 15 Jahren und langsam beginne ich zu resignieren, wenn wir heute öffentlich immer noch darüber diskutieren, ob wir digitales Zeug in Schulen überhaupt zulassen wollen.

Was mir fehlt, sind Diskussionen, in denen es um Fragen der Unterrichtsgestaltung mit diesen digitalen Medien geht. Wie setze ich sie sinnvoll und lernfördernd ein? Welche Möglichkeiten bieten sie mir, die über das hinausgehen, was mir bisher möglich war? Wer berichtet über gelungene, für „Normal-Schulen“ umsetzbare Beispiele? Wo bleibt die Diskussion über das „Wie“ des digitalen Unterrichtens?

Noch hängen wir meist an der Technikfrage. Android oder IOS? Diese oder jene App? Wie bekomme ich eine drahtlose Verbindung zum Beamer? Wie administriere und aktualisiere ich die Tablets möglichst arbeitssparend? Welche Lernplattform ist die beste? Ist Moodle toll oder unmöglich? Meist wird dann mit der neuen Technik Altbewährtes abgebildet. Statt eines gedruckten Lehrgangs (erinnert sich noch jemand an die „programmierte Unterweisung“?) werden die Lernhäppchen nun digital serviert. Statt einen Text zu schreiben, Bilder zu malen oder Fotos auszuschneiden und alles in eine Mappe zu heften, wird fotografiert und getippt und alles zu einem E-Book zusammengestellt. Inhaltlicher Unterschied? Keiner, außer dass man sich beim Abschreiben von Lexikonartikeln kürzer fasste und alles zumindest einmal beim Schreiben gelesen hatte, statt lediglich zu markieren, zu kopieren und weitgehend ungelesen einzufügen.

Aber die digitalen Medien und die globale Vernetzung bieten Chancen, die weit über das hinaus gehen, was wir bisher an der Schule machen konnten. Sie ermöglichen den direkten Zugang zu digitalisierten Objekten, (Primär-)Informationen, virtuellen Welten und – Menschen. Sie erzwingen eine kritische Auseinandersetzung mit Informationen und Sichtweisen – bei den vorauswählenden Lehrkräften und hoffentlich auch bei den Schülerinnen und Schülern, so sie sich frei im World Wide Web bewegen dürfen. Sie ermöglichen eine Zusammenarbeit mit anderen Klassen und Schulen in einer Stadt, einem (Bundes-)Land und global. Sie ermöglichen eine Auflösung des Klassenzimmers als alleinigem Lernraum, da unterrichtsrelevante Informationen über das Internet von nahezu jedem Ort aus erreichbar und eine Kommunikation jederzeit möglich ist. Sie ermöglichen das Lernen in virtuellen Welten 2) und in erweiterter oder virtueller Realität 3) – eine Technik, die derzeit in schulischen Anwendungen noch in den Kinderschuhen steckt, mir aber sehr verheißungsvoll erscheint.

Diese Formen digitalen Lernens, die vielen Schülerinnen und Schülern, die wie selbstverständlich in ihren Spielekonsolen- und Computerspielen miteinander chatten, ihre Legomodelle vorab im Katalog in 3D betrachten und die Verknüpfung digitaler und realer Welt in neuen Apps und Spielen 4) erleben, bereits vertraut sind, werden nicht thematisiert, ihr Potential für den Unterricht nicht diskutiert – aber gerade das wäre nötig, wenn Schule nicht von der rasanten technischen Entwicklung des Alltags überrollt und dem Auftrag der Kultusministerkonferenz gerecht werden will.

Ebenso fehlt eine Diskussion über derzeitige Entwicklungen digitalen Unterrichtens, die lauthals propagiert und, wie mir scheint, relativ unreflektiert in Schulen Verbreitung finden. Eine didaktische Diskussion über den „inverted classroom“ findet nicht statt (werden hier nicht nur  Rezepte vermittelt, statt zum selbstständigen, kritischen Denken anzuregen?), der Minecraft-Hype scheint ungebremst (unterrichten mit Minecraft verspricht hohe Schüleraktivität und „Spaß“ – aber ist es ökonomisch, lassen sich die Inhalte auf anderen Wegen nicht effektiver vermitteln?) und welche Settings benötigen Lernsoftware und Drill-&-Practise-Programme, um einen möglichst großen Lernerfolg zu erzielen?  Darüber müssten wir heute diskutieren – aber daran ist anscheinend noch überhaupt nicht zu denken, wenn man – um zum Anfang zurückzukehren – das Thema dieser Podiumsdiskussion sieht.

1) Wir entschieden uns nach einem langen Testnachmittag in der Buchhandlung unseres Vertrauens für die „Emil- und Pauline“-Reihe, die ich heute noch immer nützlich und grafisch ansprechend für Kinder finde.

2) Das italienische Kultusministerium z. B. stellt derzeit mit edMondo eine virtuelle, an Second World erinnernde 3D-Lernumgebung zur Verfügung.

3) Als Beispiele seien hier die Apps Quiver und LandscapAR sowie das Google Expeditions Pioneer Program genannt.

4) Beispiele für die Verknüpfung realer Gegenstände und virtueller Welt: die Lernspiele von Tiggly und das Spiel Lego Dimensions (hier ein Erfahrungsbericht auf Spiegel.de).

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1 Kommentar
  1. Vielen Dank!

    Meine Lieblingstelle aus dem Beitrag:

    »Was mir fehlt, sind Diskussionen, in denen es um Fragen der Unterrichtsgestaltung mit diesen digitalen Medien geht. Wie setze ich sie sinnvoll und lernfördernd ein? Welche Möglichkeiten bieten sie mir, die über das hinausgehen, was mir bisher möglich war? Wer berichtet über gelungene, für „Normal-Schulen“ umsetzbare Beispiele? Wo bleibt die Diskussion über das “Wie” des digitalen Unterrichtens?«

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