Freie Lernzeit

Als Fachlehrer in Sek1 und Grundschule habe ich nur sehr wenige Stunden in meiner eigenen Grundschulklasse und diese nur selten am Block. Umso mehr genießen wir es, wenn sich am letzten Schultag der Woche einmal fünf ungestörte gemeinsame Stunden hintereinander ergeben. Seit langem einmal wieder konnten wir heute die letzten beiden dieser Stunden für eine freie Lernzeit nutzen.

Was passierte in dieser freien Lernzeit?

Ich habe die 90 min in drei 30 min-Blöcke geteilt. Zu Beginn der Stunde musste sich jedes Kind festlegen, womit es sich in den ersten 30 Minuten beschäftigen wollte, damit der „run“ und damit der Streit um die besonders begehrten Angebote ausblieb. Das gewählte Angebot durfte erst im nächsten Block gewechselt werden. Vielen Kindern fällt es in diesem Alter noch schwer, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und sich nicht von vermeintlich attraktiveren Angeboten ablenken zu lassen. Lässt man die Kinder einfach gewähren, kommt es immer wieder vor, dass einige Aufgaben nur kurz beginnen, dann fortlegen, etwas neues beginnen und sich am Ende der Lernzeit auf keine Aktivität richtig eingelassen haben. Durch die zeitliche Festlegung überlegen sie genauer, lernen, verbindliche Entscheidungen zu treffen und diese Entscheidungen auch durchzuziehen, manchmal auch gegen den inneren Schweinehund…

Welche Angebote standen den Kindern zur Verfügung?

Neben den Angeboten, die ständig im Klassenzimmer verfügbar sind, wie Arbeits- und Übungshefte zu den einzelnen Fächern, das Glockenspiel, installierte Lernsoftware auf zwei Computern und der Klassenbibliothek, stellte ich heute eine neue Mathematik-Lernsoftware vor, die bereits für die Klassenstufe darüber gedacht ist, startete ein zur Unterrichtseinheit in Mathematik passendes Online-Spiel am interaktiven Whiteboard 1) und führte heute den „Experimentiertisch“ ein, an dem die Schülerinnen und Schüler selbstständig kleine naturwissenschaftliche Experimente nach Anleitung aus einem Buch durchführen können. Das Tablet mit  Dragonbox hatte ich mitgebracht und für den letzten Block waren auch die Kisten mit Holz-System-Bauklötzen und Baufix freigegeben. Zusätzlich war die „Zahlenleine“ im Raum gespannt, an der Zahlenkarten mit Wäscheklammern an den richtigen Ort gehängt werden müssen.

Wie verbrachten die Kinder ihre freie Lernzeit?

Im ersten Block arbeiteten drei Schüler am IWB, zwei stürzten sich auf die neue Lernsoftware, vier zogen in den Computerraum um und übten dort mit der Lernwerkstatt, zwei arbeiteten in ihrem Schreibschrift-Übungsheft, einer wählte das Heft mit Leseübungen. Zwei Schüler führten das Experiment durch und führten dazu das geforderte Versuchsprotokoll. Diese beiden benötigten Unterstützung, wie ich auch später die meiste Zeit am Experimentiertisch verbrachte, um die Schülerinnen und Schüler mit dieser neuen Arbeitsweise vertraut zu machen (und größere Wasserschäden zu vermeiden).

Im zweiten Block blieben die beiden Helden mit der Lernsoftware für die dritte Klasse am Computer, die Schreibschriftspezialisten wechselten an den Computer und machten Mathe. Die beiden Experimentierer waren im zweiten Block noch vollauf beschäftigt, das Protokoll auszufüllen, aber die beiden vom IWB konnten bereits zum Experimentiertisch wechseln.  Drei Schüler holten sich das Domino-Spiel und die Würfel aus dem Regal und spielten „Steine grabschen“ (es wird reihum mit zwei Würfeln gewürfelt, alle Dominosteine mit gleicher Augensumme dürfen „gegrabscht“ werden – ein Spiel aus dem Förderunterricht, das Rechenfähigkeit und Konzentration fördert). Zwei nahmen das IWB in Beschlag, einer wanderte mit Dragonbox in den Nachbarraum.

Im dritten Block – die Kinder hatten nun bereits eine Stunde konzentriert gearbeitet, wurden nun auch die Bausteine freigegeben. Dieses Angebot wurde von vier Jungen sehr gerne angenommen. Neben Garagen für die Strandsegler, die in der letzten Woche entstanden waren, wurden auch hohe, statisch anspruchsvolle Gebäude errichtet. Das IWB und der Experimentiertisch wurden weiterhin genutzt, wer noch nicht am Computer gewesen war, nutzte diese letzte Chance. Ein Schüler arbeitete im Rechtschreibheft, zwei suchten sich einen Tisch im  Nachbarraum und spielten Set.

Fazit

Die Kinder arbeiteten und spielten die 90 Minuten fast komplett durch, lediglich ein Kind benötigte im dritten Block Anleitung und Betreuung. Sie wechselten fast alle zwischen mindestens zwei Fächern, lediglich die beiden „Mathe-Spezialisten“ nutzten die gesamte Zeit, sich nur mit mathematischen Inhalten auseinanderzusetzen.

Wenn man die Kinder fragen würde, würden sie behaupten, sie hätten „nur gespielt“ in den letzten Schulstunden. Durch die Auswahl der Spiele und des Angebotes kann ich mir aber sicher sein, dass alle Kinder auch etwas gelernt oder geübt haben, das unterrichtsrelevant ist. Interessant ist, dass die Kinder sich stets Angebote suchten, die ihrem Lernstand entsprachen. Keiner überforderte sich oder wählte Schwierigkeitsstufen, die „zu leicht“ waren. Das handlungsaktive Angebot mit der Zahlenleine, gedacht für meine schwachen Schüler, hätte ich mir schenken können. Das Angebot am IWB, das denselben Inhalt besaß, war weitaus attraktiver.

Schwer beeindruckt war ich von den Versuchsprotokollen, die von allen Kindern am Experimentiertisch sehr ernsthaft geführt wurden, egal, ob es sich dabei um leistungsstarke oder leistungsschwache Schüler handelte. Die Erklärung für die Beobachtungen habe ich mit den Kindern jeweils im Anschluss besprochen, teilweise hatten sie sie aber bereits im Buch nachgelesen.

Die verschiedenen Angebote ermöglichten eine starke Differenzierung sowohl im Anforderungsgrad als auch auf der Verständnisebene, wie sie für diese sehr heterogene Inklusionsklasse notwendig ist. Die Schüler arbeiteten in unterschiedlichen Positionen und an verschiedenen Orten. Auffallend ist immer wieder, dass die bevorzugte Sozialform in dieser Klasse die Partnerarbeit ist. Alle Schüler waren aktiv mit ihrem Lernen beschäftigt, intrinsisch motiviert und – glücklich. So eine Lernzeit sollten wir uns viel öfter gönnen können!

Eine kurze Rhythmusübung nach dem Aufräumen ließ wieder Ruhe und Konzentration auf eine gemeinsame Sache einkehren, ein  gemeinsames Lied beschloss den auch für mich wunderschönen Schultag.

Und dann gehe ich in den Unterricht der Sekundarstufe hinauf und frage mich, wann und wohin diese Lernfreude entschwunden ist….

1) Das Online-Spiel hätten die Kinder natürlich auch an einem PC durchführen können, aber erstens ist der Rechner am IWB der einzige im Klassenraum, der einen Internetzugang besitzt, zweitens können die Kinder am IWB im Stehen arbeiten und drittens ermöglicht das IWB großräumiges Arbeiten mit viel Bewegung. Dies kommt Schülern mit hohem Bewegungsdrang und wenig ausgeprägter Feinmotorik sehr entgegen.

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3 Kommentare
  1. >Und dann gehe ich in den Unterricht der Sekundarstufe hinauf und frage mich, wann und wohin diese Lernfreude entschwunden ist….

    Entwicklung. Die werden ja auch größer und alles mögliche. Eltern fällt ja auch auf, dass die Kleinen so süß nicht bleiben.

    • moewenleaks sagte:

      Interessanterweise scheint sich diese Entwicklung aber nur auf den benoteten, regulären Unterricht zu beziehen. Aus den AGs und in Projektwochen muss man sie oft regelrecht hinauswerfen.

      • Die meisten Schüler nehmen ja an keinerlei AGs teil (die anderen dafür meist an mehreren). Ich finde aber auch diese Differenzierung, dass man sich immer mehr aussucht, was man mit seiner Zeit anfangen will, gar nicht so überraschend.

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