Mathebücher auf meinem Tisch

Didacta-Zeit ist Buch-Kauf-Zeit. Wer bei den großen Verlagen als Kunde registriert ist, wird nun mit Messeangeboten und Prüfpreisen überschüttet. Gleichzeitig scheinen viele Verlage die Veröffentlichung neuer Schulbücher oder der Neuauflagen bereits etablierter Bücher gerne in diese werbeträchtige Zeit zu verlegen.

Über die Schule bekomme ich häufig Prüfexemplare zur Einsicht ins Fach gelegt, die später in der Handbibliothek gesammelt werden. So sind wir auch ohne direkte Anbindung an Messen und Schulbuchzentren ziemlich auf dem neuesten Stand. Gefällt mir ein Buch, wird es (privat) angeschafft und steht mir im Rahmen des erlaubten Kopierkontingents für Differenzierungs- und Individualisierungsaufgaben als „Steinbruch“ zur Verfügung.

Rechtzeitig zur Didacta fanden sich nun also zwei Mathematikbücher eines renommierten Schulbuchverlages in meinem Fach ein.  Das eine Buch „nimmt alle mit“, das andere ist „schaffbar für alle“.  Eines wirbt mit gekennzeichneten Aufgaben zur Binnendifferenzierung und einem umfangreichen Materialkranz zu Förderung und Herausforderung, das andere mit Extra-Seiten zum Knobeln. Beide versprechen Arbeitsentlastung und indiviuelle Förderung. Beide schreien: „Kauf mich! Verlass dich auf uns! Mit uns gelingt dir individuelles Lernen in deiner Klasse!“

Wenn ein Verlag schon verspricht „schaffbar für alle“, werde ich misstrauisch. Meine Klasse ist so heterogen, wie wohl alle ersten Grundschulklassen. Einige kommen schon mit einem Vorwissen in die Schule, das den Rahmen des Erstklassmathebuchs sprengt, andere haben sich noch nicht einmal die Zahlen über 10 erschlossen oder können zwar die Zahlreihe aufsagen, nicht aber Gegenstände abzählen, ohne sich zu vertun. Und so weiß ich: Dieses Versprechen ist eine Lüge.

Meine feinmotorischen Spätentwickler werden auch am Ende des Schuljahrs noch keine Kreise in die viel zu kleinen Kästchen malen können, geschweige denn in den Lücken die Ergebnisse notieren. Meine wahrnehmungsgestörten Kinder sind von drei verschiedenen Aufgabentypen auf einer Seite oder einer A4-Seite mit Rechenpäckchen völlig überfordert. Den zählenden Rechnern wird das Auslegen und Verschieben einzelner Plättchen (bzw.  analog das Ausmalen und Wegstreichen) nicht den Übergang zu strukturiertem Rechnen erleichtern. Die „geborenen Mathematiker“ werden die Knobelseiten lächelnd anschauen und den Rest mir zuliebe erledigen, weil ich einfordere, dass man auch langweilige Sachen machen muss (es gibt aber Tricks und Wege, auch diese lästige Pflicht etwas aufzuhübschen).

Was mich weiter stört, ist die zunehmende Vereinheitlichung der Veranschaulichungsmittel. Wendeplättchen im Zahlenfeld oder Steckwürfel. Beides ist weder für konzentrationsschwache, noch für rechenschwache Kinder geeignet. Einer meiner Schüler kann sich 30 Minuten damit beschäftigen, 18 Plättchen genau mittig in das Zahlenfeld zu legen. Das war’s dann für die Stunde, keine einzige Aufgabe gelöst.

Die neuen Mathebücher sind (abgesehen von den Bildern, die anscheinend alle nur noch mit Grafikprogrammen erstellt werden, platt und schattenlos sind und keinerlei Anregung oder Vorbild für eigene Kinderwerke bieten) sicher besser als das, was es vor 30 Jahren gab. Aber es ist nicht so gut, wie es zu sein verspricht und nicht so gut, wie es sein könnte. Um individuell zu fördern, muss ich auf die individuellen Schwierigkeiten eingehen können, Das bietet kein Buch und kein vorgefertigter Materialkranz. Ich müsste viele Seiten kopieren und vergrößern dürfen, um Schülern die Aufgaben einzeln, übersichtlich und in für sie ausfüllbarem Format zur Verfügung zu stellen. Ich müsste freier sein können in den Veranschaulichungsmitteln und das Buch sollte mich darin unterstützen. Ich bräuchte mehr, viel mehr Sachaufgaben und Rechengeschichten, damit die Kinder den Bezug der Mathematik zu ihrem Leben nicht verlieren. (Das darf heutzutage auch gerne als Foto oder Video angeboten werden.) Und ich möchte das Binnendifferenzierungsangebot „extra“ – damit die Schwachen und Langsamen nicht ständig frustriert sind, weil ihre Bücher so viele Lücken aufweisen und sie ständig vor Augen geführt bekommen, was sie alles nicht können, ganz abgesehen davon, dass sie das „leere Papier“ im Buch auch bezahlen mussten. Nebenbei wäre es nett, wenn die Schulbuchverlage sich bei der Darstellung von Hunderter-, Zehner- und Einerstellenwerten an die Montessori-Farben hielten (oder sind die geschützt?). Es würde schwache Rechner, die handlungsorientiert mit diesem weit verbreitetem Material arbeiten, sehr unterstützen.

Nun werde ich die neuen Bücher auf meinem Tisch zurück in die Handbibliothek bringen. Vielleicht werde ich die eine oder andere Seite nutzen, um mein Kopierkontingent um zusätzliche Übungsaufgaben zu erweitern. Sicher aber werde ich weiterin unser altes Mathebuch benutzen und mir meinen eigenes Material drum herum bauen – von Plastiktieren, die sich für Rechenaufgaben in kleinen Gruppen am Wasserloch in der Wüste versammeln, bis zu einer kleinen Einführung in die Exponentialschreibweise für besonders neugierige Erstklässler („Wie heißt eigentlich eine Zahl mit 200 Nullen?“). Nein, mit einem Buch lässt sich diese erforderliche und geforderte individuelle Förderung ganz sicher nicht einkaufen, egal, was mir die Verlage versprechen.

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