Vom Üben

Herr Larbig schreibt in seinem Blog über die Schwierigkeit des Übens in der Schule und beendet seinen Blogpost mit folgenden Sätzen:

Aber was gibt es weiter an Wegen, um Resistenzen gegen das Üben aufzugreifen, abzumildern, zu vermeiden?

Was können wir in der Schule tun, damit Duecks Diktum (Alliteration), dass das eigentliche Problem nie angefasst werde, nämlich das Üben und die Resistenz dagegen, etwas weniger gilt?

Vorschläge sind gerne gesehen, sei es als Kommentar, in einem eigenen Blogartikel (bitte mit Pingback), als Videoantwort oder wie auch immer.

Da meine Antwort länger ist, als ein Kommentar sein sollte, gibt es einen Blogeintrag als Antwort.

Wir Grundschullehrer haben es einfacher – unsere Schüler wollen Lesen, Schreiben, Rechnen lernen und wenn man sich etwas Mühe gibt, sind sie auch nach vier Jahren noch begierig, Neues zu lernen und zu üben. Grundschullehrer sind aber auch Meister der Motivation (oder sollten es sein) und vor allem – Verpackungskünstler. Faktenwissen (= „Inhaltliche Kompetenzen“) muss durch häufiges Wiederholen gefestigt werden. Also verpacken wir den Stoff, der im Wesentlichen gleich bleibt, in viele verschiedenartige Übungsformate:
Dominos, Pärchenspiele (das mit den zwei zusammengehörenden Karten), Kartenspiele, Legespiele, Stöpselkarten, Klammerkarten, Bandolos, Puzzles, Würfelspiele, Kreisspiele, Lernlieder und nicht zuletzt – Übungssoftware (kommerziell, kostenlos oder mit Autorensoftware selbst erstellt).
Grundschulkram? Ich denke nicht. Viele dieser Formate lassen sich mit anspruchsvollen Inhalten füllen. Gemeinsam spielen und dabei üben macht auch den Großen noch/wieder Spaß.
Noch schöner: SchülerInnen entwickeln solche Spiele für ihre Mitschüler und dann leisten sich alle gemeinsam eine „Spielestunde“.
Arbeitsblätter und schlicht Aufgaben aus dem Buch gibt es natürlich auch, hier heißt unser Zauberwort: „Auswahl“.  Auswahl der Menge, Auswahl des Themas, Auswahl der Schwierigkeit.
Aber immer nur Arbeitsblätter ausfüllen ist langweilig und das melden die Kinder in ihrer Arbeitshaltung auch zurück (so sie anderes kennengelernt haben).

Schwieriger ist das Üben prozessualer Kompetenzen, das Anwenden und Verknüpfen von bekanntem  Faktenwissen und das Generieren neuer Erkenntnisse.

Hier helfen viele unterschiedliche, interessante und /oder „lebensweltbezogene“ Aufgabenstellungen, den Übungscharakter abzumildern. An diesem Punkt möchte ich mich dann gerne auf „meine“ Gebiete – Mathematik und Musik – zurückziehen, um gute Beispiele vorschlagen zu können. In Mathematik hilft häufig schon ein  Medienwechsel, um das Interesse zu wecken und Resistenzen zu minimieren. Was im Buch keinen Spaß mehr macht, finden Schüler und Schülerinnen vielleicht auf der Mathe-Prisma-Seite wieder interessant. Von geeigneten Aufgabenstellungen begleitet, lassen sich mit den dort vorhandenen interaktiven Elementen auch neue Erkenntnisse gewinnen, sicher aber üben, üben, üben. Auch über eine Zeitvorgabe kann man manche Schülerinnen und Schüler für das Üben begeistern. Trainieren, denselben Vorgang immer schneller zu bewältigen, kennen die meisten aus dem Sport. Man kann das auch mit Kurvendiskussionen oder dem Lösen von Gleichungssystemen machen (so man das heute überhaupt noch manuell macht und nicht auf den TR abschiebt, aber das ist eine andere Baustelle).  Entweder üben die Schüler „gegen sich selbst“ – immer schneller werden -, üben „gegen die Zeit“ – fixe Zeitvorgabe: „wer schafft es innerhalb von ….“- oder gegen die Lehrkraft – „wer schafft es schneller als ich“. Letzteres ist besonders motivierend. Manchmal genügt auch der Einbau von Zufallselementen in Aufgabenstellungen, um ausreichend Vielfalt und Spannung zu erzeugen. Im von Herrn Larbig genannten Beispiel der Alliteration könnten das Thema, zu dem etwas verfasst werden muss, der Buchstabe und/oder die Schlüsselwörter per Zufall bestimmt werden.

In Musik setze ich gerne Quizze ein, die von den  Schülerinnen und Schülern in Gruppen gegeneinander gespielt werden. Dies sind stets Stunden höchster Schüleraktivität, in denen  innerhalb der Gruppen heftig über die richtige Lösung diskutiert (und damit Inhalt wiederholt) wird. So kann man z. B. die visuelle oder auditive Analyse von Musikstücken üben, aber auch einfach Erkennungsübungen durchführen.Nachteil des Formats: man kann keine offenen Aufgaben stellen, da eine „richtige“ Lösung zum Bepunkten vorhanden sein muss.

In der Musikpraxis ist Üben generell ein Muss und wird hier auch von Schülerinnen und Schülern nicht in Frage gestellt. Aus der Chorleiterausbildung ist mir aber ein Leitsatz in Erinnerung geblieben, der sich auf das Üben in allen Bereichen übertragen lässt: „Bei jedem Übungs-Durchlauf sollte ein neuer Aspekt im Vordergrund stehen, der die Sänger (die Schülerinnen und Schüler) Schritt für Schritt zum Optimum führt.“

Das wenigste solcher Materialen und Übungsformate gibt es zu kaufen, das was vorhanden ist, ist oft unbezahlbar. Daher verbringen viele Grundschullehrer ihre Nachmittage mit der Herstellung von individualisiertem und auf ihren Unterricht passgenau zugeschnittenem Material. Drucker, Papierschere und Laminierer gehören zu unserer Grundausstattung. Dafür erhalten wir die Lernfreude unserer Schülerinnen und Schüler und bekommen Kommentare wie: „Eigentlich haben wir bei dir immer nur gespielt. Aber wir haben trotzdem was gelernt.“

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