Kann ein Nerd ein Intellektueller sein?

Ein Tweet an mich:

„Was die verlinkten Plakate angeht: Die mögen Nerds zeigen, aber Intellektuelle sind für mich was anderes.“

Beigefügt wurde ein Link zur Definition eines „Intellektuellen“ aus Wikipedia, der ich durchaus zustimmen kann.

Meine erste Reaktion war: Ärger. Ich kenne einige der „Nerds“ persönlich und weiß, dass es sich hierbei um intelligente bis hochbegabte Menschen handelt. Nach einigem Nachdenken zeigte mir der Tweet aber ein tieferliegendes Problem auf:

Ist die Gesellschaft schon bereit, naturwissenschaftliches Wissen – besonders aus dem Bereich Informatik – als „Bildung“ zu akzeptieren?

Der Streit darum, was „Bildung“ sei, schwelt schon lange. „Bildung“ wurde an Gymnasien vermittelt, die aufkommende Realschule oder gar Werkrealschule bildete nicht, denn sie hatte einen technischen, naturwissenschaftlichen, maschinistischen Hintergrund. Interessant dazu sind besonders Dokumente, die sich mit dem Streit zwischen Dilthey und Schacht über die Bedeutung der Realschulen und Gymnasien befassen. Das war 1839. Geblieben ist, dass technisches Wissen nicht zur Bildung gehört. Dies zeigen die Lehrpläne der Gymnasien, die Unterteilung in „Technische Hochschulen“ und „Universität“ und der Streit darum, ob das Wissen, wie man Computern benutzt, zu den  Kulturtechniken zählen soll oder nicht.  Das bürgerliche Bildungsideal, das nach Frühwald versucht, die Idylle der vorindustriellen Zeit zu konservieren,  scheint noch immer fest in uns verankert zu sein.

Randnotiz 1: Die langen Jahre ingenieurwissenschaftlichen Studiums erscheinen mir selbst nicht als „Bildung“, die drei währenddessen gehörten Vorlesungen zu Philosophie hingegen schon. Insofern bin auch ich diesem Bildungsideal verfallen, obwohl die technischen Studien mein Denken und Handeln weitaus mehr geprägt haben.         

Interessanterweise spricht die Definition in der Wikipedia aber gar nicht von Bildung:

Als Intellektueller wird ein Mensch bezeichnet, der wissenschaftlich, künstlerisch, religiös, literarisch oder journalistisch tätig ist, dort ausgewiesene Kompetenzen erworben hat, und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position bezieht. Dabei ist er nicht notwendig an einen bestimmten politischen, ideologischen oder moralischen Standort gebunden.

und weiter unten:

Der Intellektuelle analysiert, hinterfragt und kritisiert laut Sartre in öffentlichen Auseinandersetzungen und Diskursen gesellschaftliche Vorgänge, um deren Entwicklung zu beeinflussen.

(http://de.wikipedia.org/wiki/Intellektueller [6.9.13] )

Betrachten wir diese Anforderungen in Hinblick auf die auf den Plakaten vermuteterweise abgebildeten Nerds:

Da die Personen auf Wahlplakaten zur Bundestagswahl als Listen- oder Direktkandidaten gezeigt werden, ist davon auszugehen, dass sie „in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position“ beziehen, so man sie lässt. Eine Bindung an einen bestimmten politischen und damit  ideologischen Standort ist hier durch die Parteizugehörigkeit gegeben (teilweise sind auch moralische Positionen festgeschrieben), wäre aber nicht notwendig.  Sie analysieren, kritisieren und hinterfragen gesellschaftliche Zustände in Positionspapieren, in Reden auf Demonstrationen, in der medialen Öffentlichkeit (so man sie lässt) und bemühen sich auf vielerlei Ebenen, politische und gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen.

Sind die gezeigten Nerds „wissenschaftlich, künstlerisch, religiös, literarisch oder journalistisch tätig“ ? Für Niedersachsen zeigt sich, dass von 16 Kandidaten 2 in der Wissenschaft arbeiten, 1 journalistisch, 9 weitere besitzen einen Hochschulabschluss. Für NRW gestaltete es sich wie folgt: 2 Wissenschaftler, 3 künstlerisch tätige Menschen, 1 Autor, mindestens 8 weitere mit Hochschulabschluss – manchmal ließ sich der berufliche Werdegang nicht aus den Profilen ermitteln, dann wurde „kein Hochschulabschluss“ angenommen. Das bedeutet, dass 75% der „Plakat-Nerds“ in Niedersachsen und 56% in NRW ein weiteres Kriterium erfüllen.

Haben sie sich ausgewiesene Kompetenzen erworben? Die promovierten unter den Nerds sicherlich, ebenso die noch an den Universitäten Tätigen. Ein Hauptproblem dabei ist die Altersstruktur der Kandidaten. Mit 19 kann man öffentlich noch nicht so häufig in Erscheinung getreten sein, wie ein kurz vor der Rente stehender Professor. Ein anderer Punkt ist der, welche Kompetenzen angerechnet werden sollen und auf welche Art sie ausgewiesen sein sollen. Zählen nur Veröffentlichungen in Printmedien? Einladungen zu Podiumsdiskussionen? Expertenrunden im Fernsehen? Oder auch Reden und Anträge in den Parlamenten, Slots auf Barcamps und Unkonferenzen? Favs, Retweets und Verlinkungen von anderen Personen?

Dieser kleinen Überlegung zufolge, scheinen „Nerds“ durchaus zu den „Intellektuellen“ gehören zu können, lediglich das Gebiet ihrer Bildung und Expertise ist ein anderes als das des Bildungsbürgertums.

Randnotiz 2: Wer einen intellektuellen Nerd hören und sehen möchte, sollte sich die Aufzeichnung des Vortrages „Wir haben nur eine Erde“ von der 13. Open Mind Konferenz anhören.

Randnotiz 3: Die von mir verlinkten Plakate zeigten übrigens einen Wombat 😉

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