Sind Frontalunterricht und Hausaufgaben noch zeitgemäß? (1)

„Soll man im digitalen Zeitalter Schülern (noch) Frontalunterricht und Hausaufgaben geben?“

Diese Frage stellte der @Tastenspieler in den (Twitter-)Raum. Eine Diskussion in 140 Zeichen entwickelte sich leider nicht aus daraus. Daher nun hier eine etwas längere Ausführung zu dem Thema.

Frontalunterricht ist noch immer das Schreckgespenst der Methodik, der Zerrspiegel, der uns Lehrern immer wieder vorgehalten wird. Wer frontal unterrichtet, gilt als Zurückgebliebener, als Ewig-Gestriger, als unverbesserlicher, dem neuen Lernen abweisend gegenüberstehender Lehrer. Frontalunterricht scheint unvereinbar mit dem Lernen des 21. Jahrhunderts.

Was aber ist denn genau „Frontalunterricht“?

Meyer-Willner (1) beschreibt zwei wesentliche Formen des Frontalunterrichts: die monologische und die dialogische Form.

In der monologischen Form werden rein darbietend Informationen vermittelt – und zwar nicht exklusiv durch den Lehrer. Zum „monologischen Frontalunterricht“ zählen auch Schülervortrag,  Video und Film, das Lehrer-Experiment im naturwissenschaftlichen Fachunterricht.

In der dialogischen Form werden die Informationen fragend-entwickelnd weitergegeben. Den Unterschied zum Unterrichtsgespräch sieht Meyer-Willner  in der Niveauungleichheit der Gesprächsbeteiligten. Während im Unterrichtsgespräch alle Teilnehmer gleiche Gesprächschancen besitzen, dominiert im dialogischen Frontalunterricht die Wissen vermittelnde Person das Gespräch. (ebd.)  Aber sie kann das Gespräch auf die unterschiedlichste Weise führen –  vom Monolog mit eingestreuten (oder auch rhetorischen) Fragen an die Zuhörenden über einen katechetischen Frageunterricht bis hin zum hoch anspruchsvollen sokratischen Gespräch,  bei dem die Schüler durch geschickte Fragen von selbst zur beabsichtigten Erkenntnis kommen.

Herbert Gudjons (2) hat ein ganzes Buch zur Rehabilitation des Frontalunterrichtes geschrieben, in dem er aufzeigt, dass Frontalunterricht in manchen Bereichen unverzichtbar und als eine (!) Phase des Unterrichts sinnvoll und gewinnbringend eingesetzt werden kann.  Er beschreibt die Vorteile, die ein gut geplanter und sinnvoll in andere Unterrichtsformen eingebetteter Frontalunterricht hat und gibt Hinweise, wie Frontalunterricht methodisch vielfältig und abwechslungsreich  gestaltet werden kann.

Als Hauptstücke sind mir erinnerlich, dass Frontalunterricht auch zur Entlastung der Schüler dient, denn sechs Schulstunden hintereinander eigenaktiver Unterricht ist für Schüler kaum zu leisten, sowie dass kurze frontale, gut gestaltete Unterrichtsphasen mit die ökonomischste Unterrichtsform sind, um Faktenwissen zu vermitteln. Wer meint, den Frontalunterricht komplett abschaffen zu müssen, sollte vorher einmal in dieses Buch hineingeschaut haben.

Zum Abschied am Ende des dritten Schuljahres hat mir meine Klasse ein Buch geschenkt, in dem sie beschrieben, was ihnen an diesen drei Jahren besonders gefallen hat. Auffallend war, dass sie sich dafür bedankten, was ich „sie lehrte“. Wir haben auch entdeckendes Lernen gemacht, Gruppenarbeit, individuelles Lernen und viel Lernen außerhalb des Klassenraumes, aber Höhepunkte des Schulalltags waren stets auch frontale Unterrichtsphasen im Sinne von Lehr-Erzählungen und „Lektionen“ im Stil der Montessori-Pädagogik. Diese scheinen nachhaltig positiv in Erinnerung geblieben zu sein. Wir haben „gespielt“ und ich habe ihnen die Regeln für das neue Spiel erklärt. Ganz normal. Ganz frontal.

Auch in der Sekundarstufe sind frontale Phasen sinnvoll und effektiv, solange sie gut gestaltet sind, an das Interesse der Schülerinnen und Schüler anknüpfen und nicht die ausschließliche Unterrichtsform darstellen. Hilfreich sind dabei eine gute mediale Unterstützung oder eine Visualisierung des Inhalts an der Tafel. Nicht zuletzt müssen die Jugendlichen auch auf das vorbereitet werden, was ihnen an der Universität begegnen wird, sei es in der Reinform im Hörsaal oder in der digitalen, „geflippten“ Version. Denn, wie bereits oben bemerkt, auch medial vermittelte Information ist „Frontalunterricht“. Schaue ich eine Dokumentation, eine Diskussion im Fernsehen: Frontalunterricht. Informiere ich mich mittels eines Buches oder einer Webseite: frontale, nicht-dialogische  Wissensvermittlung. Befrage ich einen Experten mündlich oder  über eine E-Mail, bekomme ich in der Antwort „frontal“ Wissen vermittelt.

Ich denke, wir kommen um diese bewährte Form des Unterrichtens nicht herum, im Gegenteil, wir sollten sie kultivieren und sehr bewusst einsetzen – als Chili in unserem Schuleintopf.

(1) Meyer-Willner, Gerhard (2001): „Sozialformen“. In Hoof, Dieter (Hrsg.): Didaktisches Denken und Handeln. Braunschweiger Arbeiten zur Schulpädagogik; Braunschweig. S. 166

(2) Gudjons, Herbert (2003): Frontalunterricht – neu entdeckt. Klinkhardt: Bad Heilbrunn.

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1 Kommentar
  1. Tom Jork sagte:

    Schön auf den Punkt gebracht. Mir fällt dazu ein, dass auch Eltern, die ja oft sehr stolz auf den Wissensdrang und Lernbegierde ihrer Kinder sind, meist wohl völlig frontal alles Mögliche an Wissen an ihre Sprössling weitergeben: Sie erklären etwas oder sie zeigen etwas. Frontal ist die völlig natürliche Urform der Wissensvermittlung. Und sie darf ruhig auch mehr als ein i-Tüpfelchen im Schulalltag sein.

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