Copy & Paste-Verhinderungsaufgaben

Auf den Seiten des 11. Educamp in Hamburg wird ein Problem aufgegriffen, dem wohl alle Lehrer und Lehrerinnen, deren Schützlinge das Internet zu nutzen verstehen, schon einmal begegnet sind: das komplette Kopieren von Texten zur Erledigung von Hausaufgaben, von Gruppenarbeitsbeiträgen oder – schlimmer noch- als „Referat“. Also machte man sich auf die Suche nach „Anti-Copy&Paste-Schulaufgaben“.

Für meinen Unterricht habe ich folgende Lösungen gefunden, die nicht immer sofort funktionieren, langfristig aber erfolgreich zu sein scheinen:

  • Offensichtliche Plagiate (dem Internet entnommene Medien werden als eigene Arbeit ausgegeben – beliebt z. B. im Musikunterricht) werden mit einem glatten Ungenügend wegen Betrugs quittiert. Da bereits in den Schulstunden an den Aufgaben gearbeitet wird, fallen solche „Überraschungsergebnisse“ bei der Abgabe eigentlich immer auf.
  • Die Bewertung von Präsentationen findet über Bewertungsraster (rubrics) statt. Dabei gibt es in der Kategorie „Inhalt“ eine Zeile für die Formulierung mit folgenden Abstufungen:
    • alles mit eigenen Worten formuliert
    • viele eigene Formulierungen
    • teilweise eigene Formulierungen
    • kaum eigene Formulierung
    • copy and paste

    beim „Vortrag“ wird unterschieden:

    • trägt frei mit vorbereiteten Medien vor
    • trägt weitgehend frei vor
    • liest teilweise ab
    • liest ab
    • kein Vortrag

    Damit wird auch ohne es ausdrücklich zu erwähnen sehr schnell deutlich, dass „copy&paste-Ergebnisse“ unerwünscht sind und sich in der Bewertung entsprechend negativ niederschlagen.

Der Königsweg sind aber Aufgaben, die es von vornherein unmöglich machen, Arbeitsergebnisse direkt aus dem Netz zu kopieren.  Dies kann über mehrere Wege erreicht werden.

  • Perspektivübernahme – das Arbeitsergebnis muss aus einer persönlichen oder der Perspektive einer anderen Person (im weitesten Sinne) formuliert werden. Dies ist der Ansatz, der von Lisa Rosa und Birgit Lachner auf der Seite des Educamps vorgeschlagen und mit Beispielen veranschaulicht wird. Im Fach Musik habe ich einmal (innerhalb eines Webquests) folgende Aufgabe gestellt:
    Johann Sebastian Bach wurde am 6. November 1717 in Weimar verhaftet und erst am 6. Dezember desselben Jahres wieder freigelassen.
    Ihr seid die Ankläger in Diensten des Herzogs ODER die Advokaten Bachs, die auf seine Freilassung plädieren.
    Für die Gerichtsverhandlung muss ein Dokument erstellt werden, in dem
    a) Bachs Verfehlungen verzeichnet sind und er in einem möglichst ungünstigen Licht erscheint
    oder
    b) seine Verdienste dargestellt werden und überzeugendes Material gesammelt wird, um einen Freispruch zu erwirken.
    Die Gerichtsverhandlung wurde dann gemeinsam mit den Schülern durchgeführt, die zur Bearbeitungszeit im Praktikum waren.
  • Spezialisierung der Aufgabenstellung – die Aufgabe wird so stark auf regionale, schul- oder klassenspezifische Eigenheiten ausgerichtet, dass das Vorhandensein eines entsprechenden Ergebnisses im Netz unwahrscheinlich wird.
  • Umsetzung in eine andere Repräsentationsform – Informationen können auf verschiedene Weisen übermittelt werden. Ziel muss es sein, die Schüler dazu zu bringen, die (gegebenen oder zu suchenden) Informationen in eine andere Darstellungsform zu bringen, die eine tiefere Durchdringung und ein „Zu-Eigen-Machen“ der Inhalte erfordert.  Zum Beispiel kann ein Text in eine Grafik umgesetzt werden, die die enthaltene Argumentationskette verdeutlicht. Verbal dargebotene Fakten kann man als Infografik darstellen lassen. Für mathematische Zusammenhänge müssen geometrische Repräsentationen gefunden und erklärt werden können und umgekehrt oder  – besser noch –  Anwendungsbeispiele aus der eigenen Umgebung. Der Inhalt eines Lektüreabschnittes, die empfundenen Emotionen können zu einem Elfchen oder Haiku mit schriftlicher Ausdeutung destilliert werden, im Rahmen der Differenzierung vielleicht sogar zu einem Sonett. Der Einsatz digitaler Medien kann die Schülerinnen und Schüler zusätzlich motivieren (Darstellung als Voki, Photostory *), Animation, Powtoon, Pop-Up-Buch, Podcast…), erfordert aber einen höheren Zeitaufwand bei der Einarbeitung. SandfuchsExzerpt aus: Uwe Sandfuchs (2002); Was Schule leistet. Aus Text wird eine Thesengrafik.

Eine schöne Anregung zum Erfinden eigener „Anti-Copy&Paste-Aufgaben“ bietet die  „WebQuest Taskonomy“ von Bernie Dodge. In den Anfängen der WebQuests bestand ein wichtiges Element darin, interessante, authentische Aufgaben zu stellen, zu deren Lösung die Bewertung und Umstrukturierung von Wissen und problemlösendes Denken  und Urteilen erforderlich waren.

A real WebQuest….

  • is wrapped around a doable and interesting task that is ideally a scaled down version of things that adults do as citizens or workers.

  • requires higher level thinking, not simply summarizing. This includes synthesis, analysis, problem-solving, creativity and judgment.

(Bernie Dodge, 2007, http://webquest.org/index-create.php)

Leider ist dieser Ansatz im Laufe der Jahre bei vielen WebQuests ziemlich verwässert worden, was vielleicht auch daran liegt, dass WebQuests in Deutschland überwiegend für die Primarstufe erstellt werden.

Wir bekommen auf unsere Aufgaben die Antworten, die wir verdienen. Seien wir phantasievoll und kreativ, fordern wir Leistung und erkennen wir ungewöhnliche  und unerwartete Ergebnisse an, geben wir auch (bewertungsfreien) Raum zum Experimentieren mit neuen Formaten. Dann bekommen wir hoffentlich die Ergebnisse, die wir uns wünschen.

*) ja, ich weiß, das ist für Windows XP. Es läuft aber auch auf Windows 7.

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1 Kommentar
  1. Ich empfehle hierzu einen sehr interessanten kleinen Vortrag von Steen Lassen erklärt in seiner Keynote auf der Auftaktveranstaltung zum D21-Projekt “Die besten Lehrkräfte” im Januar 2012 wie in Dänemark Computer und Internet integraler Bestandteil im Unterricht und in Prüfungen sind: http://lernwolke.de/2010/01/page/4/

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