Eine Tafel ist eine Tafel

Ja, auch wir haben Interaktive Whiteboards in der Schule. Drei Stück. Die Luxusvariante: mit zwei Außenflügeln und höhenverstellbar. Und ja: ich bin bekennender Whiteboard-Nutzer. Mit Freude und am liebsten jeden Tag. Manchmal sitze ich zur Unterrichtsvorbereitung zuhause und bin völlig frustriert, weil ich weiß, wie man diese Stunde am Whiteboard wunderbar gestalten könnte, ich in der Stunde aber nicht in den IWB-Raum wechseln kann (oder es sich für die 10 Minuten Unterrichtseinstieg nicht lohnen würde).  Was habe ich in den drei Jahren Arbeit mit dem IWB herausgefunden?

  • Ein Interaktives Whiteboard ist nicht von selbst interaktiv. Die „Interaktivität“ liegt auch nicht darin, dass der Unterricht jetzt interaktiv würde – ein Missverständnis, dem ich zuerst auch aufgesessen bin – sondern darin, dass die Tafel mit dem Computer/Laptop interagiert.  Ansonsten ist das Ding eine Tafel und sie tut das, was eine Grüntafel auch tut: herumstehen und warten, dass man sie möglichst sinnvoll beschreibt oder bemalt.
  • Das IWB bietet den Vorteil, Dinge groß zeigen zu können. Vorbei die Zeit mühsam hochkopierter A3-Bilder und des Ratens aus der letzten Bank.
  • Das IWB bündelt Medien. Statt die einzelnen technischen Geräte durchs Schulhaus zu tragen und hastig aufzubauen, brauche ich nur den Laptop einzuschalten und kann Audios abspielen, Filme zeigen, Animationen nutzen. Für mich, der die VHS-Video-Zeit komplett ausgelassen hat und auch mit Beamern eher auf Kriegsfuß steht (dafür habe ich irgendwo den Filmvorführschein liegen), eine große Erleichterung.
  • Ich „kann“ Tafelbild. Strukturiert, grafisch, schöne Schrift (meistens), Kunst-Abi. Aber für das IWB kann ich Tafelbilder komplett vorbereiten. Noch strukturierter, noch schöner (der Scanner und strg c – strg v sind meine Freunde) und vor allem ohne viel Aufwand dynamischer. Ich rücke auch mit laminierten Kärtchen und meiner Magnetkiste aus, wo es einen didaktischen oder methodischen Vorteil bietet, aber da bin ich mit dem IWB zeitlich bei der Vorbereitung klar im Vorteil.
  • Grundsätzlich dauert die Vorbereitung des Unterrichts für das IWB mindestens genauso lange, meistens länger als für eine „normale“ Tafelstunde (ohne Laminier-Gedöns und andere Extras). Dies hat zwei Gründe. Im ersten Fall kostet die Suche nach dem besten – oder zumindest gutem – und für meine Stunde geeignetem Material auf unterschiedlichen Portalen viel Zeit. Erstelle ich mein Material selbst, benötige ich die meiste Zeit dafür, die Fallstricke des Urheberrechts zu umgehen und  gemeinfreies, meist auch veränderbares Material zu finden, das meinen Ansprüchen an eine ästhetische Erziehung genügt. Dafür habe ich dann einen Fundus, aus dem ich mich mit gutem Gewissen im nächsten Jahr, eventuell mit leichten Modifizierungen, noch einmal bediene.
  • Bis jetzt habe ich bei den Schulbuchverlagen für meine Fächer nur 2 Materialien gefunden, bei denen ich meine, dass sie die Möglichkeiten des IWB sinnvoll und umfangreich ausnützen und grafisch ansprechend sind. Nicht billig, aber ihren Preis wert. Hier besteht großer Nachholbedarf, wenn die Schulbuchverlage noch einen Fuß in die Tür bekommen wollen. Daher mein großer Bedarf an „eigenem“ Material, der aber auch fächerabhängig sein kann.  Anwendungssoftware hingegen benutze ich hingebungsvoll – wer einmal eine Fuge mit der Music Animation Machine gesehen hat, weiß, wie Fuge funktioniert und hört danach ganz anders hin. Es gibt da ein großes Angebot auch an Web-Anwendungen, die man am IWB für den Unterricht nutzen kann.
  • Ich brauche die Seitenflügel  (ich brauche sogar zusätzlich die Grüntafel im Raum). Während im Mittelteil der dynamische Content oder Anwendungen präsentiert werden, stehen an den Flügeln die „statischen Inhalte“ des Unterrichts – Fragestellungen, die im Laufe der Stunde beantwortet werden (sollten), Ergebnisse des laufenden Unterrichts, „merkwürdige“ Details („Ja, das sollt ihr abschreiben!“) und Elemente vergangener Stunden, die die Unterrichtseinheit begleiten.
  • Ich unterrichte am IWB nicht nur digital. Da unser IWB zusätzlich auch magnetisch ist, mixe ich die alten und neuen Medien: Wendeplättchen auf digitalem Zwanzigerfeld, Magnetkinder in digitaler Landschaft, Rundmagnete  zur Markierung bestimmter Elemente. Für die Kleinen und die Halbgroßen  macht es schon noch einen Unterschied, ob man nur einen digitalen roten Punkt verschiebt oder wirklich manuell auf das Board setzt.
  • Manchmal spielen wir am Board. Miteinander oder gegeneinander. Was am kleinen PC Spaß macht, ist am IWB noch viel lustiger.  Crayon Physics oder Crazy machines zum Beispiel. Dass man dabei etwas lernt, wird den meisten Kindern nicht klar sein. Daneben kann man Wiederholungen, sogar Erarbeitungen als Quiz oder Lernspiel tarnen, mit deutlich mehr Möglichkeiten als an der Grüntafel.

Dies sind die „frontalen“ Szenarien mit mehr oder weniger Schülerbeteiligung. Das IWB kann aber noch mehr.

  • Während jeder Schüler an seinem Laptop an seiner Aufgabe sitzt, deren Ergebnisse über eine Webanwendung eingetragen werden, zeigt das IWB „das große Ganze“ oder das Einzelne ganz groß. Dies funktioniert zum Beispiel mit einer gemeinsamen Prezi, mit online-Pinnwänden, mit einem Etherpad.
  • Über Online-Whiteboards kann man gleichzeitig gemeinsam an und mit einem Tafelbild arbeiten – von verschiedenen Räumen, Schulen, Kontinenten aus. Oder von zuhause aus den Vertretungsunterricht organisieren. Will ich unbedingt ausprobieren! Auch ein Projekt mit „immersive touch“ oder Second Life und drei Gruppen, über die Schule verteilt, wäre ein Traum, im Rahmen des Unterrichts aber nicht zu realisieren.
  • Im Stationenlernen oder im individuellen Förderplan kann das IWB  ebenfalls einen Platz finden. Dies ist einer der wenigen Anwendungsfälle, von dem ich behaupten würde, dass er nicht „frontal“ ist. Gerade bei der individuellen Förderung kann das IWB eine echte Hilfe sein, wenn z.B. motorische Fähigkeiten noch nicht ausgereift genug sind, um die Aufgaben auf dem Papier im vorgesehenen Raum lösen zu können. Statt sich jetzt als defizitär zu empfinden, wird man sogar beneidet. Außerdem spart es A3-Papier und schont mein 10%-Kopierkontingent, wenn ich meinen „digitalen Unterrichtsassistenten“ dafür zweckentfremde. Die Motorik üben wir dann mit anderen, zielgerichteteren Aufgaben.

Man darf vom IWB keine Revolution des Unterrichts und schon gar nicht der Methodik erwarten.

Es ist eine nur eine Tafel.

Aber eine schöne, bunte, laute!

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